Familienunternehmen & Mittelstand

Alte Firmen, neue Herausforderungen

Welche besonderen Ressourcen familiengeführte Mittelstandsunternehmen in Deutschland nutzen können, um die Digitalisierung zu meistern

Hochmoderne Möglichkeiten der Digitalisierung treffen auf Traditionsunternehmen – kann das gut gehen? Überraschend gut sogar, sofern familiengeführte Mittelständler sich einige ihrer besonderen Eigenschaften zunutze machen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue wissenschaftliche Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management und der Stockholm School of Economics, in der 35 Beispiele erfolgreicher Digitalisierung in Familienunternehmen analysiert wurden. Wenn familiengeführte, mittelständische Unternehmen auf drei Ressourcen, über die speziell sie verfügen, vertrauen, können sie ihr Unternehmen erfolgreich ins digitale Zeitalter führen.

FamiliengeführteMittelständler geben in Sachen Digitalisierung häufig ein ambivalentes Bild ab: Während einige trotz begrenzter Ressourcen bei der Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse schon weit vorangeschritten sind, zeigen andere bedenkliche Defizite. Umso bemerkenswerter ist dieser Umstand, da viele Mittelständler einerseits hoch innovativ und teilweise Hidden Champions auf ihrem Gebiet sind, andererseits beim Thema Digitalisierung nur langsam Fortschritte machen. Weil familiengeführte Mittelstandsunternehmen aber in Deutschland und zahlreichen weiteren Industrienationen einen enormen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leisten, ist es von herausragender Bedeutung für die Wirtschaftsstandorte, dass diese Betriebe die Digitalisierung gut bewältigen und dadurch wettbewerbsfähig bleiben. Dass dies auch Traditionsunternehmen und nicht nur modernen Großkonzernen gelingen kann, zeigen einige Best-Practice-Beispiele. Die wissenschaftliche Studie „How can family-owned mittelstand firms use their unique resources to master the age of digitalization? The role of family historical, venture, and collaborative capital“ beleuchtet diese Beispiele und weist nach, dass Familienunternehmen über drei Ressourcen verfügen, die ihre Digitalisierung zum Erfolg führen können: historisch gewachsene Ressourcen, der Unternehmergeist der Familie und Beziehungen. Sie sollten diese Ressourcen nutzen.

Die historisch gewachsenen Ressourcen der Familie

Familienunternehmen sind häufig jahrzehntealt und schon über mehrere Generationen vererbt worden. Die für die Studie befragten Führungskräfte, die der jeweiligen Inhaberfamilie angehören, äußerten, dass sie für den Erhalt ihrer Firma vor allem Wert auf Dauerhaftigkeit, Kontrolle und Erneuerung legen.

Eine besondere Rolle spielt dabei der reiche Erfahrungsschatz eines Familienunternehmens, das bereits seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten im Geschäft ist. Diese umfangreichen Erfahrungen in einer Branche helfen dem auf Dauerhaftigkeit ausgerichteten Betrieb nicht nur, Prozesse, Produkte oder Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Sie sorgen auch für das Durchhaltevermögen, das die Unternehmen brauchen, um sich Unsicherheiten zu stellen und sich neue digitale Möglichkeiten zu erschließen.

Eine weitere historisch gewachsene Ressource von Familienunternehmen ist die zentrale Kontrolle. Wenn Manager aus der Inhaberfamilie stammen, sorgt das für effektive Entscheidungsprozesse und schnell realisierbare Innovationen. Um einerseits das Kerngeschäft weiterzubetreiben und andererseits Raum für die kreativen Entwicklungen der Digitalisierung zu haben, bietet sich die Schaffung eines zusätzlichen Unternehmenszweigs an. Dieser kann sich ausschließlich auf den Ausbau der digitalen Infrastruktur fokussieren. In Familienunternehmen können solche sich ergänzenden Geschäftszweige jeweils mit Familienmitgliedern besetzt werden, was eine schnelle und effiziente Abstimmung erleichtert.

In einer komplexen und sich schnell wandelnden Welt reicht es auch nicht, das bisher Erreichte zu bewahren. Weil mittelständische Familienunternehmen sich dieser Tatsache bewusst sind, legen sie Wert auf Erneuerung. Bei Firmen, die die Digitalisierung besonders gut meisterten, wurde beobachtet, dass sie die familieninterne Nachfolge in der Unternehmensführung schon frühzeitig geregelt hatten. Jüngere Familienmitglieder sorgen einerseits für Kontinuität bei den Werten und in der Unternehmenskultur, bringen andererseits aber auch sukzessive neues Know-how und persönliche Kontakte mit ein und verleihen damit Maßnahmen zur Digitalisierung neuen Schub.   

Unternehmergeist als Ressource

Mittelständische Familienunternehmen können sich auch mittels geschickter Investitionen außerhalb ihrer Organisation die Ressourcen sichern, die sie für die Digitalisierung ihres Unternehmens benötigen. Zunehmend nutzen sie dabei die Möglichkeit, mit dem Eigenkapital des Familienunternehmens oder der Inhaberfamilie in Start-ups zu investieren, die Lösungen für Digitalisierungsprozesse anbieten. Durch das Investieren von Wagniskapital erhält die Firma Zugang zur Expertise des Start-ups sowie dessen Ressourcen, Patenten, Marken- und Urheberrechten. Weil Digitalisierungsprozesse zunehmend an Komplexität gewinnen und immer mehr Fachwissen erfordern, Mittelständler in der Regel aber auf einzelne Technologien spezialisiert sind und nur wenig eigene Expertise für die Digitalisierung besitzen, können passende Start-up-Partner die erforderlichen Kapazitäten liefern.

Die strategische Entscheidung zum Einsatz von Wagniskapital fällen Familienunternehmen, um ihre eigene Position am Markt zu stärken.  Entscheidungsrelevant sind in der Regel die Gesichtspunkte Diversifikation, Komplementarität zum eigenen Geschäftsmodell und Steigerung der eigenen Reputation. Das gezielte Investment in Start-ups kann sogar zu einem neuen Geschäftsbereich werden. Dies ist insbesondere dann von Vorteil, wenn im Kerngeschäft die Gewinnmargen abnehmen. Zusätzlich gelingt es Familienunternehmen dadurch, das Portfolio ihrer Firma zu verbreitern.

Beziehungen als Ressource

Eine weitere Ressource, um die Digitalisierung im eigenen Unternehmen voranzutreiben, sind die Beziehungen eines Familienunternehmens. Sie werden u.a. zur Erarbeitung gemeinsamer Lösungsansätze mit externen und internen Partnern genutzt. Während Mittelständler in der Vergangenheit dabei eher auf die Kooperation mit anderen etablierten Firmen setzten, suchen sie nun verstärkt die Zusammenarbeit mit Experten und Start-ups oder binden die eigenen Mitarbeitenden in die Entwicklung von Lösungsansätzen ein.

So arbeiten sie mittlerweile häufig in sogenannten Innovations-Hubs mit Partnern aus der Wissenschaft zusammen oder gründen diese sogar neu, um gemeinsam mit Experten maßgeschneiderte Digitalisierungslösungen zu entwickeln.

Eine weitere Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Problemlösung besteht in der Kooperation mit Start-ups. Neben den zuvor erwähnten Investments in Neugründungen kann auch die Zusammenarbeit mit ihnen bei der Beantwortung von Fragen helfen, die sich in einem zügig wandelnden Umfeld ständig neu stellen.

Schließlich können Firmen noch auf die engagierte Unterstützung ihrer Mitarbeitenden vertrauen, zu denen Familienunternehmen häufig ein besonderes Verhältnis haben. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das Vertrauen der Inhaberfamilie in ihre fähigen Mitarbeitenden weckt bei diesen den Innovationsgeist und die intrinsische Motivation, an herausfordernden Prozessen wie der Digitalisierung mitzuwirken und im Sinne des Unternehmens erfolgreich mitzugestalten. Auch Mitglieder der Inhaberfamilie, die vor dem Wechsel ins Familienunternehmen Erfahrungen in anderen Bereichen gemacht haben, können neue Ideen aus der New Economy einbringen.

Wie die Ressourcen von Familienunternehmen zusammenspielen

Die beschriebenen Ressourcen von Familienunternehmen wirken, wenn sie eingesetzt werden, jedoch nicht isoliert voneinander, sondern spielen zusammen. So bedingt die Historie einer Firma beispielsweise die Auswahl geeigneter Kooperationspartner. Ebenso investieren Mittelständler bevorzugt Eigenkapital in Start-ups, die sie schon von Kooperationen in Hubs kennen. In der Summe können Familienunternehmen auf unterschiedliche, wertvolle Ressourcen zurückgreifen, um das eigene Unternehmen erfolgreich zu digitalisieren. Aufgrund ihrer Eigenheiten verfügen sie über Möglichkeiten, auf die andere Unternehmensarten keinen Zugriff haben.

Tipps für Praktiker
  • Werden Sie sich als Manager in einem Familienunternehmen Ihrer besonderen Stärken bewusst! Familienunternehmen können bei der Digitalisierung auf mehr nützliche Ressourcen zurückgreifen, als Sie vielleicht zunächst annehmen.
  • Suchen Sie die Unterstützung von Kooperationspartnern in innovativen Hubs, um passende Lösungen für die Digitalisierung in Ihrer Firma zu finden. Dies kann entweder durch Zusammenarbeit oder direktes Investieren gelingen.
  • Setzen Sie auf die Kapazitäten, die in Ihrem Unternehmen schon vorhanden sind! Wenn Sie fähigen Mitarbeitenden Vertrauen und Raum schenken, um die Digitalisierung voranzutreiben, wecken Sie deren Innovationsgeist und Motivation.
  • Sorgen Sie frühzeitig für die Einbindung der nächsten Generation in das Familienunternehmen. Nachfolgerinnen und Nachfolger können spannende neue Ideen, Erfahrungen und Kontakte einbringen.
Literaturverweis und Methodik

Für die Studie „How can family-owned mittelstand firms use their unique resources to master the age of digitalization? The role of family historical, venture, and collaborative capital“ wurden 35 Interviews in 34 verschiedenen familiengeführten Mittelstandsunternehmen geführt. Interviewt wurden nur Führungskräfte, die der Inhaberfamilie angehören und eine leitende Funktion in der Firma innehaben. Die befragten Firmen decken die gesamte Bandbreite zwischen 10 und mehr als 10.000 Mitarbeitenden ab.

  • De Groote, J./Soluk, J./Laue, S.-L./Heck, M./Kammerlander, N. (2022): How can family-owned mittelstand firms use their unique resources to master the age of digitalization? The role of family historical, venture, and collaborative capital, in: Business Horizons, 2022.
Autorinnen

Jun.-Prof. Dr. Julia de Groote

Julia de Groote ist Merck Finck Juniorprofessorin für Familienunternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Frage, wie (Familien-)Unternehmen durch Innovation und Führung nachhaltig erfolgreich sein können. Ihre Arbeiten erscheinen regelmäßig in renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie in praxisorientierten Publikationen.

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Prof. Dr. Nadine Kammerlander

Nadine Kammerlander ist Inhaberin des Lehrstuhls für Familienunternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Ihr Forschungsinteresse gilt den Themen Innovation, Mitarbeiter und Governance in Familienunternehmen und Family Offices. Ihre wissenschaftlichen Beiträge werden regelmäßig in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht und mit renommierten Forschungspreisen ausgezeichnet.

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