Sports and Management

Auf den Punkt

Ist es entscheidend, wer vor dem Elfmeterschießen den Münzwurf gewinnt?

Bei der Fußball-Europameisterschaft (EM) wird es langsam ernst. Nach der rund zweiwöchigen Gruppenphase entscheidet der Spielausgang nun in der K.O.-Phase unmittelbar über den Verbleib eines Teams im Turnier. Jetzt geht es immer um alles, was bei den Spielern für Anspannung sorgen dürfte – und es könnte sehr gut sein, dass das Weiterkommen bei der EM für manche Teams im Elfmeterschießen entschieden wird.

Elfmeterschießen, die immer dann stattfinden, wenn nach der regulären Spielzeit von 90 Minuten keines der beiden Teams vorne liegt und auch in der 30-minütigen Verlängerung keine Entscheidung gefunden wurde, sind traditionell nervenaufreibende Angelegenheiten. Sie werden gefürchtet und deshalb regelmäßig trainiert. Fans lieben (oder hassen) sie. Und sie können einem lange offenen Spiel – je nach Perspektive – ein brutales oder ekstatisches Ende zu verleihen.

Wenn es darum geht, wie die beste Herangehensweise an ein solches Elfmeterschießen ist – und dieses anschließend analysiert wird – dreht sich die Schlüsselfrage oft darum, wer hätte beginnen sollen. Hat das Team, das den ersten Elfmeter tritt, einen signifikanten Vorteil?

Es scheint tatsächlich eine naheliegende Theorie zu sein, die zur Einfachheit des Elfmeterschießens selbst passt – ein unkomplizierter Wettbewerb, bei dem beide Mannschaften abwechselnd versuchen, von einem festen Punkt 11 Meter vor der Torlinie aus, ein Tor zu erzielen.

Das Ergebnis ist dabei immer eindeutig – entweder erzielt der Elfmeterschütze ein Tor oder eben nicht – und nach jedem Durchgang ist klar, welche Mannschaft in Führung liegt. Dadurch, dass etwa 75 Prozent aller Elfmeter auch verwandelt werden, also mit einem Torerfolg enden, könnte die Reihenfolge der Schützen durchaus eine Rolle spielen, weil sie einen Einfluss auf den zwischenzeitlichen Spielstand hat. In Rückstand zu sein, so die Theorie, könnte so viel Druck auf einen Spieler aufbauen, dass ihm die Nerven versagen, und er den Elfmeter verschießt.

Eine gängige Hypothese ist deshalb, dass der Elfmeterschütze, der zuerst an den Punkt schreitet, also beginnt, einen signifikanten Vorteil hat („First-Mover-Vorteil“).

In den vergangenen Jahren ist diese Hypothese wissenschaftlich immer wieder überprüft worden. Die Autoren einer sehr bekannten Studie dokumentieren, dass das Team, welches den ersten Elfmeter schießt, einen signifikanten Vorteil hat. Spätere Untersuchungen anderer renommierter Autoren konnten dieses Ergebnis jedoch nicht bestätigen.

Auch für andere Sportarten gilt, dass des sich beim sogenannten First-Mover-Vorteil vermutlich eher um einen Mythos handelt. Im Hockey wird beispielsweise davon ausgegangen, dass es keine Rolle spielt, wer den ersten Versuch unternimmt. Im Cricket scheint es sogar so zu sein, dass es einen negativen Effekt auf den Verlauf des Spiels haben kann, wenn eine Mannschaft zuerst schlägt.

Kopf oder Zahl

Aber welche anderen Faktoren könnten eine wesentliche Rolle für den Ausgang des Elfmeterschießens spielen? In unserer aktuellen Studie haben wir die Frage untersucht, ob möglicherweise das Recht, die Reihenfolge der Elfmeterschützen zu beeinflussen, relevanter für den Spielausgang ist als die Reihenfolge selbst.

Um diese Frage zu beantworten, haben wir 207 Elfmeterschießen in 14 internationalen Fußball-Turnieren im Zeitraum zwischen Juli 2003 und August 2017 untersucht. Hierzu gehören unter anderem Elfmeterschießen im Rahmen von FIFA Weltmeisterschaften (10 Elfmeterschießen), UEFA Europameisterschaften (9), UEFA Champions League Spielen (30) und UEFA Europa League Spielen (68).

Vor jedem Elfmeterschießen wetten die beiden Kapitäne der jeweiligen Mannschaft auf das Ergebnis des Münzwurfs des Schiedsrichters. Der Gewinner des Münzwurfs darf dann danach entscheiden, ob sein Team mit dem Elfmeterschießen beginnt oder als zweites dran ist. Letzteres kann in der Theorie durchaus eine strategisch sinnvolle Entscheidung sein – zum Beispiel immer dann, wenn ein Kapitän den eigenen Torhüter besser einschätzt als den des Gegners, weil dieser den Elfmeter mit größerer Wahrscheinlichkeit hält. Durch eine detaillierte Analyse offiziellen Videomaterials konnten wir für 96 Elfmeterschießen feststellen, welcher Kapitän den Münzwurf gewann und ob sich dieser dazu entschied, sein Team als erstes oder zweites antreten zu lassen.

Interessanterweise sehen wir zunächst, dass die vielbeachtete Entscheidung zu beginnen, bei Kapitänen keineswegs die dominante Option zu sein scheint. Im Gegenteil: Wir beobachteten, dass sich nur 56 Prozent der Münzwurfgewinner dafür entscheiden, ihr Team tatsächlich beginnen zu lassen. 44 Prozent hingegen entschieden sich dafür, ihren Torwart mit der Hoffnung auf einen frühzeitig gehaltenen Ball zuerst ins Tor zu schicken - und so später gewissermaßen von einem Second-Mover-Vorteil profitieren zu können. Bei der letzten UEFA Europameisterschaft 2016 beispielsweise entschieden sich die Kapitäne bei allen drei Elfmeterschießen übrigens dazu, dem Gegner den Vortritt zu lassen.

Zudem beobachten wir, und dies ist besonders interessant, dass die Teams, deren Kapitän den Münzwurf für sich entschieden, in etwa 60 Prozent aller Fälle das folgende Elfmeterschießen auch gewinnen konnten. Das ist deutlich häufiger als eine angenommene Siegwahrscheinlichkeit von 50 Prozent, die wir dann beobachten würden, wenn die Entscheidung der Kapitäne keinen Unterschied für den Ausgang des Elfmeterschießens machen würde.

Im Gegensatz dazu, und in Übereinstimmung mit der Mehrzahl der zuvor durchgeführten Studien finden wir hingegen keinen signifikanten Vorteil für das Team, das zuerst an den Elfmeterpunkt tritt. Deren Siegesquote lag in den von uns untersuchten internationalen Wettbewerben bei lediglich 51 Prozent. Es macht also keinen Unterschied, wer zuerst antritt – aber durchaus, dass man darüber entscheiden kann.

Dies könnte beispielsweise daran liegen, dass die Kapitäne, die den Münzwurf gewinnen, die relative Stärke ihrer Torhüter und Elfmeterschützen übermäßig gut einschätzen können, und darauf aufbauend, die individuell vermeintlich beste Reihenfolge wählen.

Sollte es bei der Euro 2020 – und bei zukünftigen Turnieren – also zum Elfmeterschießen kommen, behalten Sie das Ergebnis des Münzwurfs im Blick. Er könnte über den Ausgang der Partie entscheiden.

Der Originalartikel erschien in The Conversation.

Originalstudie
  • Kassis, M./Schmidt, S. L./Schreyer, D./Sutter, M. (2021): Psychological pressure and the right to determine the moves in dynamic tournaments – evidence from a natural field experiment, in: Games and Economic Behavior, Ausgabe 126, März 2021, S. 278-287. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/j.geb.2021.01.006
Autoren

Dr. Dominik Schreyer

Dr. Dominik Schreyer ist Direktor des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU und untersucht dort verhaltensökonomische Fragestellungen im Sport. Selbst mit eher mäßigem sportlichem Talent ausgestattet, studierte er Politik, Kommunikationswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Düsseldorf und Auckland, sowie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Im Jahr 2014 promovierte er an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. Derzeit beschäftigt er sich intensiv mit Fragestellungen zur Stadionökonomie, insb. dem No-Show-Verhalten von Ticketinhabern.

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Prof. Dr. Matthias Sutter

Prof. Dr. Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an den Universitäten Köln und Innsbruck. Er zählt zu den forschungsstärksten Volkswirten im deutschsprachigen Raum und erforscht vor allem Kooperation, Teamentscheidungen und die Bedeutung von Geduld (etwa in seinem Beststeller „Die Entdeckung der Geduld“).

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Prof. Dr. Sascha L. Schmidt

Sascha L. Schmidt ist Leiter des Center for Sports and Management und Professor for Sports und Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Zudem ist akademischer Direktor der SPOAC - Sports Business Academy by WHU. Zusätzlich ist er Mitglied der Digital Initiative an der Harvard Business School (HBS), affiliert mit dem Labor für Innovation Science in Harvard (LISH) und Forscher an der Emlyon Business School Asia. Sascha Schmidt ist Co-Autor verschiedener sportbezogener HBS Fallstudien und einer der Initiatoren und einer der leitenden Dozenten des MIT Sports Entrepreneurship Bootcamp. Seine Forschung fokussiert sich auf Wachstums- und Diversifikations-Strategien sowie die Vorbereitung des Profisports auf zukünftige Entwicklungen.

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