Economics

Deutlich zunehmende Preissteigerungen in Deutschland

Warum Unternehmen die Entwicklung der Inflation genau im Auge behalten sollten

Ralf Fendel - 11. November 2021

Die Inflation in Deutschland ist derzeit so hoch wie schon lange nicht mehr. Die Ursache liegt vor allem auf der Angebotsseite. Die Energie- und Nahrungsmittelpreise erreichen fortlaufend neue Höchstwerte, weil Störungen bei Lieferanten und Händlern, teils ausgelöst durch die Pandemie-Folgen, sie sehr stark gegenüber dem Vorjahr ansteigen lassen. Aber auch hausgemachte Faktoren wie die Erhöhung der CO2-Abgabe zu Jahresbeginn hinterlassen ihre Spuren. Ein weiterer Grund für die drastischen Preissteigerungen ist, dass vor allem die Energiepreise im Vorjahr ungewöhnlich niedrig waren. Angebotsseitig verursachte Inflation ist in der Regel nur kurzfristiger Natur. Allerdings gibt es die Befürchtung, dass sich die Teuerungsrate verselbstständigt und zu einer dauerhaft höheren Inflation führt. Auch wenn die EZB darauf entschieden antworten würde, stellt sich für Unternehmen die Frage, welche Faktoren sie im Auge behalten sollten, um rechtzeitig und richtig reagieren zu können.

- Expertenmeinung -

Die Inflationsrate in Deutschland lag im September 2021 bei 4,1 Prozent. Eine bemerkenswerte Entwicklung, denn eine ähnlich hohe Inflationsrate gab es zuletzt im Jahr 1993. Die Bürger merken es beim Tanken, Einkaufen oder bei der Stromrechnung deutlich im Portemonnaie. Doch wieso steigen die Preise gerade jetzt so deutlich an?

Was die Verbraucherpreissteigerung verursacht

Die Ursachen für die gegenwärtig hohe Inflationsrate sind vielfältig. Zum einen sind dies sogenannte Basiseffekte durch niedrige Preise im Jahr 2020. Insbesondere die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze im zweiten Halbjahr 2020 und der Preisverfall der Mineralölprodukte im Vorjahr wirken sich nun wieder erhöhend auf die Gesamtteuerung aus. Hinzu kommen zum anderen krisenbedingte Effekte, wie die deutlichen Preisanstiege auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen durch immer noch gestörte Lieferketten im internationalen Handel, die sich bisher nur teilweise oder abge­schwächt im Verbraucherpreisindex niederschlugen.

Wie schon im Zuge des Basiseffektes erwähnt, sind es vor allem die aktuell steigenden Energiepreise, die die Inflation antreiben. Merklich teurer im Vergleich zum Vorjahr wurden etwa Heizöl (+76,5 Prozent) und Kraftstoffe (+28,4 Prozent). Zusammen genommen sind die Preise für Energieprodukte um gut 14 Prozent gestiegen. Die zugrunde liegenden Ursachen sind ihrerseits wiederum vielfältiger Natur. Vor allem die anziehende Weltkonjunktur und die damit einhergehende weltweite Energienachfrage lässt die Preise an den internationalen Energiemärkten steigen. Aber auch die zu Jahresbeginn eingeführte CO2-Abgabe wirkt erhöhend auf die Teuerungsrate der Energieprodukte. Neben den Energiepreisen erhöhten sich die Preise für Nahrungsmittel im September 2021 gegenüber dem September 2020 überdurchschnittlich mit +4,9 Prozent. Die Gründe hierfür sind vor allem widrige Wetterbedingungen in Spanien und Italien, die zu einer Verknappung des Angebots an landwirtschaftlichen Produkten wie etwa Gemüse führten.

Insgesamt ist es so, dass die Inflation derzeit aufgrund angebotsseitiger Faktoren steigt. Produktionskosten und Vorprodukte, darunter Preise für Energie und unverarbeitete Lebensmittel, steigen an und verteuern damit auch die Konsumprodukte. Ohne die Berücksichtigungen der Kategorien Energie und Lebensmittel wäre die Inflationsrate derzeit bei 2,9 Prozent und damit nur moderat über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB).

Wie sich die Inflation weiter entwickeln könnte

Angebotsschocks sind in der Regel kurzfristiger Natur, so dass viele Experten davon ausgehen, dass sich die Teuerungsrate spätestens im Laufe des Jahres 2022 wieder auf niedrigerem Niveau befinden wird, sobald die temporären Ursachen (Ernteausfälle etc.) verschwunden sind und sich die derzeitigen Kostenerhöhungen vollständig in höhere Verbraucherpreise übersetzt haben. Allerdings bestehen hier auch Risiken, dass sich der zunächst nur temporäre Kostenschock doch in einer dauerhaft höheren Inflation manifestiert. Zentral sind dabei die Inflationserwartungen der Wirtschaftsakteure. Sollte die derzeit hohe Inflationsrate dazu führen, dass mit dauerhaft höherer Inflation gerechnet wird, wird dies etwa zu höheren Lohnabschlüssen führen, die wiederum die Gefahr bergen, dass eine Lohn-Preis-Dynamik in Gang gesetzt wird, die dann zu dauerhaft höheren Inflationsraten führt. Auch Unternehmer werden, sofern sie mit dauerhaft höheren Preisen (und damit auch Kosten) rechnen, quasi schon vorab mit Preiserhöhungen reagieren, um den Kostenerhöhungen zuvorzukommen. Daraus resultiert, dass die zunächst nur erwartete Inflation zur tatsächlichen Inflation wird.

Dieser potenzielle Umstand der Verselbständigung der Inflationsdynamik erklärt die derzeitige Kommunikationsstrategie der EZB. Diese betont sehr stark, dass es sich nur um ein temporäres Inflationsphänomen handelt, um so einen Anstieg der Inflationserwartungen möglichst zu verhindern. Inwieweit dies gelingen kann, ist eine Frage der Glaubwürdigkeit der EZB. Ursächlich sind der Geldpolitik bei Angebotsschocks eher die Hände gebunden, da sie über die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrageseite wirkt. Sollte es aber eine anhaltende Inflationserhöhung geben, wird die EZB reagieren und etwa vorzeitig ihre Anleihekäufe reduzieren und auch Zinserhöhungen erwägen. Dies hätte jedoch aufgrund der damit einhergehenden Nachfragedämpfung nachteilige Effekte auf Beschäftigung und Wachstum.

Welche Kosten die Bekämpfung des Klimawandels mit sich bringt

Bezogen auf die Energiepreise ist zudem hervorzuheben, dass in Zukunft aufgrund der Energiewende und der damit verbundenen Verteuerung herkömmlicher Energieträger mittelfristig (bzw. strukturell) die Energiepreise weiter steigen werden - unabhängig von der derzeit eher zyklischen Erhöhung. Man spricht hier bereits von „Grüner Inflation“. Allerdings machen die Ausgaben für Energie nur einen Teil der Konsumausgaben aus, so dass deren Anstieg nicht notwendigerweise zugleich eine allgemein höhere Inflation impliziert. Kommt es parallel zu Entlastungen und unterproportionalen Steigerungen anderer Güter und Dienstleistungen, wird die Energiewende keine höheren Inflationsraten verursachen. Wir sollten daher den Kampf gegen den Klimawandel nicht durch temporäre Inflationseffekte in Frage stellen. Der Schaden einer verpassten Bekämpfung des Klimawandels wird weitaus größer sein als der der möglichen Inflationseffekte. Letztere würden, wenn überhaupt moderat ausfallen und nach derzeitigen Schätzungen nicht über einen Prozentpunkt an zusätzlicher Inflation hinausgehen. Inwieweit sich die Energiepreise kurzfristig (zyklisch) wieder absenken oder sich sogar noch weiter erhöhen, ist auch eine Frage wie kalt der Winter sein wird, da entsprechende sehr starke Nachfrageerhöhungen die Preise antreiben könnten. Negative Verteilungseffekte höherer Energiepreise (seien sie zyklisch oder strukturell) ließen sich über fiskalische Maßnahmen wie etwa der (temporären) Aussetzung der Mehrwertsteuer auf die Energieträger abfedern.

Woran die Inflation gemessen wird

Die Inflation wird als Veränderung des so genannten Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat gemessen. Dem Verbraucherpreisindex liegt ein repräsentativer Warenkorb bestehend aus insgesamt 650 Gütern und Dienstleistungen zugrunde mit etwa 300.000 Einzelpreisbeobachtungen. Einzelne Güter sind darin gemäß ihrem Anteil an den Ausgaben eines typischen Haushalts gewichtet. Die prozentuale Veränderung der Ausgaben für diesen Warenkorb gilt als Maßstab der Inflation.

Tipps für Praktiker
  • Stellen Sie sich auf höhere Inflationsraten ein, die zumindest bis zum Sommer 2022 andauern können!
  • Behalten Sie die Lohnreaktionen im Blick! Sie sind ein Indikator dafür, ob es dauerhaft zu höheren Inflationsraten kommt.
  • Achten Sie auch auf die EZB und ihre Geldpolitik! Die mittelbare Inflationsdynamik hängt auch vom Vertrauen in die Zentralbank ab. Sollte sich die Inflation dauerhaft erhöhen, so wird die EZB mit einem Ausstieg aus der aktuellen ultra-expansiven Geldpolitik reagieren und gegensteuern.
Autor

Prof. Dr. Ralf Fendel

Prof. Dr. Ralf Fendel ist Experte für Fragen der Geldpolitik und der Geldtheorie an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschungen sind überwiegend empirisch und beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Geldpolitik auf Finanzmärkte bzw. die Volkswirtschaft im Allgemeinen. Darüber hinaus beschäftigt er sich in seinen Forschungsarbeiten mit Fragen der Funktionsweise der Finanzmärkte sowie mit Themen der Europäischen Integration.

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