Finance & Accounting

Kryptowährungen – eine neue Anlageklasse

Wie Bitcoin & Co. die traditionelle Bankenwelt verändern (Teil 5/7)

Axel Wieandt - 06. Juli 2021

Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell mehr als 1,7 Billionen US-Dollar per Ende März 2021 haben zahlreiche Kryptowährungen schon ihren Weg in die digitalen Geldbörsen bzw. Wallets von Investoren gefunden – nicht selten mit erheblichen Gewinnen. Doch wie wertvoll ist eine Geldanlage ohne intrinsischen Wert wirklich? Verschiedene Ansätze wurden entwickeln, um Licht ins Dunkel zu bringen und den tatsächlichen Wert einer Kryptowährung möglichst genau zu ermitteln. Zusätzlich sollte man jede Kryptowährung aber auch einer technischen und ökonomischen Due Diligence unterziehen, um eine vernünftige Grundlage für die Investitionsentscheidung zu erhalten.

Mit einer Marktkapitalisierung von über 1,7 Billionen US-Dollar Stand Ende März 2021 können Kryptowährungen in Summe als Anlageklasse nicht länger unberücksichtigt bleiben. Auch wenn sie im Vergleich zum globalen Marktwert von beispielsweise Immobilien, Anleihen, Aktien oder auch Gold immer noch eher klein ist, liegt die Marktkapitalisierung von Bitcoin etwa bei einer Billion US-Dollar. Das entspricht etwa 60 Prozent des Gesamtwerts aller Kryptowährungen. Obwohl die Marktkapitalisierung des Bitcoins größer ist als der Gesamtwert aller in Umlauf befindlichen Yen und mehr als 900 Prozent aller in Umlauf befindlichen britischen Pfund entspricht, ist seine Liquidität vergleichsweise gering. Die durchschnittliche Anzahl der täglich gehandelten Bitcoins entspricht weniger als 0,05 Prozent der täglich gehandelten Yen und nur 0,06 Prozent der täglich gehandelten britischen Pfund. Weitere Kryptowährungen wie Ethereum (ETH), Cardano (ADA) und Polkadot (POL) haben eine deutliche kleinere Marktkapitalisierung und weisen zudem eine noch geringere Liquidität auf, auch wenn sie unter den Kryptowährungen noch zu den vergleichsweise Großen zählen.

Ist es in Anbetracht der schon bedeutsamen Marktkapitalisierung aber noch geringer Liquidität überhaupt gerechtfertigt, Kryptowährungen als eine neue, langlebige Anlageklasse zu betrachten? Greer definiert eine Anlageklasse als "eine Gruppe von Vermögenswerten, die in einigen Eigenschaften fundamentale Ähnlichkeiten aufweisen, sich aber von anderen Vermögenswerten, die nicht Teil derselben Anlageklasse sind, unterscheiden". Generell werden drei große Anlageklassen unterschieden: Kapitalanlagen, konsumierbare bzw. umwandelbare Anlagen und Wertaufbewahrungsmittel. Kapitalanlagen wie Aktien, Anleihen und Immobilien generieren typischerweise ein laufendes Einkommen für den Eigentümer. Konsumierbare bzw. umwandelbare Vermögenswerte wie Waren und Edelmetalle liefern dem Eigentümer einen ökonomischen Wert, wenn sie verbraucht oder in andere Vermögenswerte umgewandelt werden. Wertaufbewahrungsmittel wie Edelmetalle, Währungen und Kunstwerke sichern Werte für den Eigentümer über einen längeren Zeitraum.

Währungen fungieren als Tauschmittel, Rechnungseinheit und Wertaufbewahrungsmittel. Trotz ihrer Namensvetternschaft gibt es mehrere Gründe, warum sich Kryptowährungen wie Bitcoin nicht wirklich als Währung qualifizieren. Zum einen eignen sie sich nicht als Tauschmittel, da sie kein gesetzliches Zahlungsmittel sind und nur von einer kleinen, wenn auch wachsenden Zahl von Händlern als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Darüber hinaus sind sie aufgrund ihrer historisch hohen Preisvolatilität schlecht als Rechnungseinheit geeignet.

Eine Wertaufbewahrungseinheit oder eine völlig neue Anlageklasse?

Da die meisten Besitzer von Kryptowährungen ihre Bestände über einen längeren Zeitraum halten, liegt die Vermutung nahe, dass Kryptowährungen zur Anlageklasse der Wertaufbewahrungsmittel gehören.

Es gibt jedoch Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass Kryptowährungen eine völlig neue Anlageklasse darstellen. Obwohl sie anderen Anlageklassen teilweise ähnlich sind, argumentieren sie, dass Kryptowährungen ihre eigenen, ganz besonderen Eigenschaften und Merkmale haben. Es gibt vier Merkmale, die Kryptowährungen von traditionellen Anlageklassen unterscheiden: die Eignung für Investitionen, das politisch-ökonomische Profil, Korrelation der Renditen und das Risiko-Ertrags-Profil.

  • Eignung für Investitionen: Obwohl Kryptowährungen historisch gesehen eine geringe Liquidität aufweisen, hat sich diese in den vergangenen Jahren verbessert. Zudem bleiben Kryptowährungen, unabhängig von Regulierungen und Kapitalverkehrskontrollen, weiterhin investierbar.
  • Politisch-ökonomisches Profil: Kryptowährungen unterscheiden sich von traditionellen Anlageklassen durch die innovative Technologie der öffentlichen, ohne Zulassung frei zugänglichen Blockchains, mit ihren speziellen Anreizsysteme und die daraus resultierenden neuartigen Formen der dezentralen Koordination von Datenbanken.
  • Korrelation der Renditen: Wie bei Gold gibt es auch bei Kryptowährungen in der Regel nur eine schwache Korrelation mit der Preisentwicklung anderer Vermögenswerte wie Aktien oder Anleihen. Die jüngsten Entwicklungen auf den Märkten, die unter dem Einfluss von Corona standen, haben diese Korrelation allerdings verstärkt. Dies lässt vermuten, dass Kryptowährungen überwiegend in Phasen der allgemein gestiegenen Risikobereitschaft gefragt sind.
  • Risiko-Ertrags-Verhältnis: Jüngste empirische Studien zeigen, dass die Aufnahme von Kryptowährungen in traditionelle Anlageportfolios – einschließlich Aktien, Anleihen und Immobilien – deren Risiko-Ertrags-Profil verbessert. Da Kryptowährungen neue technologische, regulatorische und politische Risiken mit sich bringen, müssen sie einer besonderen Due Diligence unterzogen werden. Das Fehlen einer anerkannten, harmonisierten Klassifizierung und eines etablierten Rechtsrahmens, wie er für andere, besser etablierte Anlageklassen besteht, macht eine solche Due Diligence für diese neue, experimentelle und sich schnell entwickelnde Anlage(klasse) zu einer Herausforderung.
Welchen Wert hat eine Kryptowährung?

Rufen wir uns für einen Moment Keynes' Gleichnis in "The General Theory of Employment, Interest, and Money" ins Gedächtnis. In Keynes' Schönheitswettbewerb werden die Juroren dafür belohnt, dass sie jene Gesichter auswählen, die bei allen Juroren am beliebtesten zu sein scheinen, und nicht die Gesichter, die ihnen persönlich am besten gefallen. Keynes erklärt, dass es bei diesem Wettbewerb "nicht darum geht, diejenigen Gesichter auszuwählen, die nach bestem Wissen und Gewissen wirklich die schönsten sind, und auch nicht diejenigen, die gemäß der herrschenden Meinung als die schönsten gelten. Wir haben den dritten Grad erreicht, bei dem wir unsere Intelligenz darauf verwenden abzuschätzen, welche Vorstellung die meisten Menschen von der Schönheit eines Gesichtes haben könnten.“ Keynes postuliert, dass auf dem Aktienmarkt der eigentliche Wert weniger zählt als die Bewertung, die allgemein erwartet wird. Wendet man diese Logik auf Kryptowährungen an, werden deren Preise sich in Ermangelung eines allgemeingültigen Bewertungsansatzes, nach der allgemeinen Erwartungshaltung hinsichtlich der Beurteilung durch die wichtigsten Stakeholder richten.

Die meisten Bewertungsansätze für Kryptowährungen beruhen auf deren Marktkapitalisierung und der langfristigen Angebotsfunktion der jeweiligen Tokens. Die Marktkapitalisierung wird berechnet, indem die Anzahl der umlaufenden Tokens mit dem aktuellen Marktpreis eines einzelnen Tokens multipliziert wird. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin betrug zum Beispiel am 28. März 2021 56.000 US-Dollar multipliziert mit 18,7 Millionen in Umlauf befindlicher Bitcoins, was einer Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar entspricht. Die Angebotsfunktion der Kryptowährung zeigt, wie viele Tokens in welchem Zeitrahmen geschürft werden und wie viele Token entsprechend auf dem Sekundärmarkt in Umlauf sind. Zum Beispiel beträgt der aktuelle Token-Vorrat von Bitcoin ungefähr 15,2 Millionen Bitcoins (18,7 Millionen minus 3,5 Millionen, die aufgrund von verlorenen Zugangsdaten nicht mehr verfügbar sind), und die gesamte Menge ist bei 21 Millionen Bitcoins gedeckelt. Einige Token wie Ethereum (ETH) oder EOS folgen einem inflationären Modell und haben keine Obergrenze für das Gesamtangebot. Das Angebot einer Kryptowährung kann je nach den Spezifikationen des jeweiligen Protokolls auch dauerhaft durch das „Verbrennen“ von Tokens (senden von Token an eine bekannte elektronische Geldbörse) oder vorübergehend durch Lock-ups (z. B. mit Hilfe eines Smart Contracts) oder Rückkäufe (Rückkäufe von Tokens durch das Netzwerk) reduziert werden. Das Angebot an Kryptowährungen erhöht sich durch die Ausgabe neuer Coins als Belohnung für das "Mining" eines neuen Blocks wie im Fall von Bitcoin oder, wie im Fall von Stablecoins, durch das "Prägen" neuer Tokens nach Hinterlegung entsprechender Reserven.

Den Wert einer Kryptowährung bestimmen

Im Großen und Ganzen gibt es sechs Ansätze zur Abschätzung des Werts von Kryptowährungen, die im Folgendem am Beispiel von Bitcoin dargestellt werden:

1. Der "Wertaufbewahrungs"-Ansatz geht davon aus, dass Bitcoin schließlich andere Vermögenswerte als Wertaufbewahrungsmittel ersetzen wird. Wenn Bitcoin z.B. sämtliches jemals gefördertes Gold ersetzen würde, das einen geschätzten Wert von 10,6 Billionen US-Dollar hat, wäre jeder der 21 Millionen Bitcoins über 500.000 US-Dollar wert. Zieht man die geschätzten 3,5 Millionen Bitcoins ab, auf die niemand mehr Zugriff hat, würde der Wert eines jeden Bitcoins auf über 605.000 US-Dollar steigen. Wenn Bitcoin 20 Prozent des Goldes als Wertaufbewahrungsmittel ersetzen würde, läge der Wert jedes Bitcoins immer noch bei etwa 100.000 US-Dollar. Ein Abschlag könnte eingeführt werden, um die Unsicherheit über das tatsächliche Erreichen des 20-prozentigen Marktanteils in einem späteren Zeitpunkt zu berücksichtigen.

2. Die "Token-Geschwindigkeits-Theorie" betrachtet die Transaktionsgeschwindigkeit von Tokens als bestimmend für den langfristigen Token-Wert. Die Transaktionsgeschwindigkeit wird auf Basis der monetären Tauschgleichung M x V = P x Q berechnet, wobei M die Größe der Vermögensbasis, V die Umlaufgeschwindigkeit des Vermögenswertes, P der Preis der digitalen Währung und Q das (aktuell) verfügbare Volumen der digitalen Währung ist. Je niedriger die Umlaufgeschwindigkeit ist, d. h. je mehr Menschen eine Währung als Wertaufbewahrungsmittel halten, desto höher ist der Wert der Währung. Staking-Funktionen wie "Proof-of-Stake-Konsensmechanismen", bei denen Kryptowährungen als Commitment bzw. Pfand von Knotenpunkten im Netzwerk hinterlegt werden, reduzieren die Umlaufgeschwindigkeit der Tokens und führen in der Regel zu einer Preiserhöhung. Die Umlaufgeschwindigkeit einer Währung wird berechnet, indem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes durch die gesamte verfügbare Geldmenge geteilt wird. Rücküberweisungen von Gastarbeitern aus Entwicklungsländern in ihre Heimat sind ein mögliches Einsatzgebiet für Kryptowährungen. Laut Schätzungen lagen die Rücküberweisungen von Ländern mit hohem Einkommen in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen in 2020 bei etwa 500 Milliarden US-Dollar. Angenommen 20 Prozent dieses Marktes würden von den traditionellen Kanälen Western Union oder MoneyGram auf Bitcoin umsteigen und die Umlaufgeschwindigkeit von Bitcoin läge bei 5,48, was der Umlaufgeschwindigkeit des US-Dollars vor der Pandemie entspricht, dann hätte jeder in Umlauf befindliche Bitcoin einen Wert von etwa 1.000 US-Dollar.

3. Das Modell von „INET und der J-Kurve von Krypto-Währungen" wurde entwickelt, um den Wert eines fiktiven INET Token zu berechnen. Das Modell besteht aus vier Teilen:

  1. der Anzahl der im Umlauf befindlichen Tokens,
  2. dem aktuellen Nutzwert, berechnet durch die monetäre Tauschgleichung,
  3. der entsprechend der J-Kurve prognostizierten Aufnahme der Kryptowährung in ihrem Zielmarkt und
  4. den so prognostizierten zukünftigen Nutzwerten.

Dieses Modell ist für die Bewertung von sogenannten Utility Token mit echtem Nutzwert am besten geeignet, so z. B. für Filecoin (FIL),  dessen Token-Inhaber Zugriff auf ein dezentrales Speichernetzwerk erhalten.

4. Das "Netzwerkwert-Transaktions-Verhältnis" (NVT) vergleicht die relative Nutzung des Kryptowährungsnetzwerks im Laufe der Zeit. Das NVT-Verhältnis für einen bestimmten Zeitraum wird berechnet, indem der Netzwerkwert (d. h. die Marktkapitalisierung) durch das Transaktionsvolumen (d. h. das tägliche Wertvolumen, das durch das Protokoll übertragen wird) geteilt wird. Eine im Vergleich zum langfristigen Durchschnitt erhöhte NVT-Quote deutet darauf hin, dass das Netzwerk überbewertet ist, während eine rückläufige NVT-Quote vermuten lässt, dass es unterbewertet ist. Um die Berechnung der Quote zu verbessern, wird der Nenner mittels Berechnung des gleitenden 30-, 60- oder 90-Tage-Durchschnitts geglättet. Eine Einschränkung für die Verwendung der NVT-Quote als Kennzahl besteht darin, dass der Wert der Kryptowährung dabei ausschließlich aus ihrer Funktion als Tauschmittel abgeleitet ist. Eine dauerhaft höhere NVT-Quote kann nämlich auch auf eine hohe Anzahl von Marktteilnehmern hindeuten, welche die Kryptowährung als Wertaufbewahrungsmittel nutzen. Die aktuelle NVT-Quote von Bitcoin liegt zwischen 70 und 80 und damit unter den Werten, die sie vor dem Platzen früherer Blasen erreicht hatte.

5. "Täglich aktive Adressen" bzw. „Daily Active Addresses (DAA)“ ist eine Kennzahl, die auf die Anzahl der Benutzer, die das Krypto-Netzwerk pro Tag für Transaktionen nutzen, abstellt. Ähnlich wie bei Plattformen und Apps die „täglich aktiven Nutzer“ bzw. „Daily Active Users“ (DAU), kann DAA Informationen über das Aktivitätsniveau in einem Krypto-Netzwerk und damit einen Anhaltspunkt für den Netzwerknutzen liefern. Im Zuge des Bitcoin-Preisanstiegs Anfang 2021 stieg die Zahl auf über 1,3 Millionen aktive Wallet-Adressen am Tag an. Im Januar 2021 sendeten oder empfingen insgesamt mehr als 22,3 Millionen einzelne Wallet-Adressen im Netzwerk Bitcoins.

6. Das "Stock-to-Flow-Verhältnis" (SF-Verhältnis) geht zurück auf die Erkenntnis von Nick Szabo, dass "die Knappheit von Edelmetallen und Sammlerstücken aufgrund der Kostspieligkeit ihrer Herstellung unabänderlich ist." Bitcoins, zum Beispiel, sind "unabänderlich wertvoll", weil das Mining von Bitcoins sehr energieintensiv ist. Gold hat die höchste SF-Rate von 62, da das Angebot nur um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr wächst und man daher 62 Jahre benötigen würde, um den aktuell verfügbaren Goldbestand zu produzieren. Mit der derzeitigen Vergütung von 6,25 Bitcoins für das Mining von einem Block und einem Bestand von 18,7 Millionen Bitcoins liegt das SF-Verhältnis von Bitcoin bei 57 und damit fast auf dem Niveau von Gold und sogar deutlich über dem Niveau von Silber, das ein SF-Verhältnis von nur 22 verzeichnet. Die statistische Analyse zeigt einen starken Zusammenhang zwischen dem SF-Verhältnis und dem Marktwert einer Kryptowährung, was darauf hindeutet, dass der Wert von Bitcoin weiter steigen könnte, wenn sich wie geplant auch in Zukunft die Mining-Vergütungen alle vier Jahre halbieren werden.

Due Diligence von Kryptowährungen
  • "Whitepaper": Bei Kryptowährungen sollte am Anfang der Due Diligence immer die sorgfältige Analyse des zugrundeliegenden "Whitepaper" stehen. Das Bitcoin-Whitepaper ist Satoshi Nakamotos 2009 veröffentlichtes Werk "Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System". Whitepaper für Kryptowährungen sind typischerweise eine Kombination von Auszügen aus veröffentlichten Forschungsarbeiten und konkreten Business-Plänen. Sie haben folgende Hauptbestandteile:
  1. Darstellung des Problems,
  2. Erläuterung des Lösungsansatzes,
  3. Beschreibung der Konkurrenten und alternativer Lösungen,
  4. Begründung der Notwendigkeit für den Einsatz der Blockchain-Technologie,
  5. Mechanismus der Ausgabe der Tokens und Aspekte der technischen Nutzung, sowie
  6. Hintergründe zum Team und dessen Erfahrung.

Weitere wichtige Aspekte der Due Diligence von Kryptowährungen sind die Qualität des Software-Codes, die Größe und das Aktivitätsniveau der Entwickler-Gemeinschaft, Konsensmechanismen und Netzwerk-Governance sowie die Ausgestaltung der ökonomischen Anreize für die Netzwerkteilnehmer.

  • Qualität des Codes: Da alle Blockchain-Technologien naturgemäß auf Codes beruhen, muss der Code überprüft und seine Qualität bewertet werden können. Die meisten Kryptowährungen haben Open-Source-Protokolle, und ihr Basiscode ist auf GitHub leicht zugänglich.
  • Entwickler-Community: Die Qualität des Codes ist maßgeblich dadurch bestimmt, wie gut und in welchem Umfang die Entwickler das Projekt unterstützen. Im Oktober 2020 trugen weltweit rund 9.000 aktive Entwickler zur Entwicklung von Kryptowährungen bei. 2020 stieg die Zahl der neuen Krypto-Entwickler zum ersten Mal seit 2017 wieder. Im Laufe der Zeit wachsen Ökosysteme von höherer Software-Qualität, während Ökosysteme mit niedrigerer Software-Qualität schrumpfen. Die Aktivität der Entwickler ist besonders hoch in den Bitcoin-, Ethereum- und Decentralized-Finance-Netzwerken. Das Bitcoin-Ökosystem hatte im Oktober 2020 361 aktive Entwickler und damit 70 Prozent mehr als im Oktober 2019. Im Vergleich dazu waren im Ethereum-Ökosystem im Oktober 2020 über 2.300 Entwickler aktiv.
  • Governance: Eine erfolgreiche Kryptowährung braucht ein starkes Governance-System, um Veränderungen zu steuern und umzusetzen. Die meisten Kryptowährungen funktionieren wie Open-Source-Software-Projekte. Im Falle von Bitcoin schlagen die Entwickler Änderungen und Aktualisierungen der Software vor, um Bitcoin zu verbessern („Bitcoin Improvement Proposals“ oder BIPs). Jedes BIP muss mehrere Stufen von Peer- und Sicherheitsprüfungen durchlaufen, bevor es implementiert und durch eine Soft-Fork (rückwärtskompatible Änderung des Protokolls) oder Hard-Fork (nicht mit früheren Versionen kompatible Änderung) in der Blockchain aktiviert werden kann. Die Soft-Fork-BIP-Aktivierung erfordert, dass eine klare Mehrheit der Miner bzw. Knotenpunkte ihre Software entsprechend aktualisiert, um das vorgeschlagene BIP einzubinden. Die Hard-Fork-BIP-Aktivierung hingegen erfordert die Annahme durch die gesamte Bitcoin-Gemeinschaft, einschließlich der Bitcoin-Inhaber und derjenigen, die Dienstleistungen rund um die Bitcoin-Blockchain anbieten.
  • Anreizgestaltung: Die Gestaltung der ökonomischen Anreize ist entscheidend für den Erfolg einer Kryptowährung. Um zu überleben und zu gedeihen, muss ein Kryptowährungs-Ökosystem die richtigen Anreize zur Mitwirkung aller Stakeholder setzen.
Aufbewahrung von Kryptowährungen

Bevor man Kryptowährungen kauft und handelt, muss man sich mit den Risiken der Krypto-Verwahrung beschäftigen. Das grundlegende Prinzip des Token-Eigentums lautet "ich weiß, und ich besitze" und nicht "ich bin, und ich besitze", wie es für Bank- und Wertpapierkonten gilt. Token werden in sogenannten elektronischen Geldbörsen Wallets) gespeichert und ausgetauscht, indem sie von einer Wallet zu einer anderen gesendet werden. Die Wallets sind mit einer öffentlich-privaten Verschlüsselung geschützt. Um über einen Token oder Coin verfügen zu können, muss der Anleger den privaten Schlüssel (Private Key) seiner Wallet kennen. Wenn er oder sie den Schlüssel verliert oder den Token aus Versehen an die falsche Adresse sendet, ist diese Kryptowährungseinheit unwiederbringlich verloren.

Es gibt drei Arten von Speichertechnologien für private Schlüssel, je nachdem, ob die Wallets mit dem Internet verbunden sind oder nicht. Bei der sogenannten kalten Speicherung (Cold Storage) wird der private Schlüssel offline als Kopie oder auf einem externen elektronischen Datenspeicher abgelegt. Berühmt geworden sind die Bitcoin-Milliardärszwillinge Winkelvoss, die Schnipsel eines Ausdrucks ihrer privaten Schlüssel auf mehrere Bankenschließfächer in den USA verteilt haben. Nachteilig ist dabei, dass das Abrufen eines Schlüssels aus dem kalten Speicher Zeit benötigt und daher den Handel verlangsamen kann. Zudem kann der Besitzer den privaten Schlüssel verlieren. Bei der sogenannten heißen Lagerung (Hot Wallet) wird die Krypto-Wallet über ein mit dem Internet verbundenes System verwaltet, z. B. einer Cloud, einem mobilen Gerät oder auf einem eigenständigen Computer. Die meisten Einzelhandels-Krypto-Börsen halten einen Teil ihrer Kryptowährungen in Hot Wallets. Schließlich gibt es noch die Warmspeicherung (Warm Storage), die attraktiv für institutionelle Investoren ist, weil für sie der Mangel an sicheren Verwahrungslösungen für das Speichern privater Schlüssel ein Investitionshindernis war. Technologische Warmspeicher-Lösungen mit militärischer Sicherheit, die auf zertifizierten Hardware-Sicherheitsmodulen beruhen und die Entnahme von Token immer noch innerhalb von Sekunden ermöglichen, haben die Krypto-Verwahrung in letzter Zeit für institutionelle Anleger attraktiver gemacht. Zusammen mit regulierten Krypto-Aufbewahrungsdienstleistern und der zunehmenden Verfügbarkeit von Versicherungen für die Krypto-Verwahrung ebnen Warm Storage Lösungen den Weg für eine verstärktes Engagement von institutionellen Investoren in Kryptowährungen.

Handel an Krypto-Börsen

Einige Krypto-Börsen sind sogenannte zentralisierte Börsen, wie z.B. Coinbase in den USA oder Kraken und Bistamp in Europa. Daneben gibt es auch sogenannte dezentralisierte Börsen wie dYdX. Coinbase unterliegt der US-amerikanischen Aufsicht und verfügt eine New Yorker Lizenz für Geldtransfers. Coinbase bietet eine geringere Anzahl von Kryptowährungen an zum Handel an als beispielsweise Binance, um die Gefahr möglicher Verstöße gegen US-Wertpapiergesetze zu vermeiden. Binance, eine der größten Krypto-Börsen weltweit, versucht, dezentral zu erscheinen, ist aber in Wirklichkeit ein Netzwerk von mehreren juristischen Personen, die verschiedenen Gerichtsbarkeiten unterliegen. Binance hat einen eigenen Token begeben, den Binance Coin (BNB), über den anfänglich die Kunden von Binance in den Genuss von Rabatte auf Handelsgebühren kamen. Mittlerweile hat sich BNB als eigene Kryptowährung etabliert. Anfänglich gab es auf Binance keine Möglichket zum Umtausch von Fiat- in Kryptowährungen. Coinbase dagegen bietet eine Vielzahl von Fiat-Krypto-Umtaschmöglichkeiten. Im Jahr 2019 startete Binance „Binance US“, über das Einzahlungen und Käufe per Banküberweisung, Debitkarte oder Überweisungen und Abhebungen per Bank möglich sind. DYdX ist eine neue Form der dezentralen Handelsplattform. DYdX ist eine öffentliche, frei zugängliche Plattform, die über Smart Contracts auf Ethereum läuft und die Kreditvergabe, Kreditaufnahme und vor allem den besicherten Handel mit Kryptowährungen unterstützt.

Die große Anzahl an Krypto-Börsen und die Vielfalt der regulatorischen Rahmenbedingungen für den Handel mit Kryptowährungen begünstigen betrügerische Handelsaktivitäten wie "Wash-Trades" und "Pump-and-Dump"-Machenschaften. Darüber hinaus gab es in den vergangenen Jahren mehrere schwerwiegende „Hacks“ von Kryptowährungs-Börsen, bei denen erhebliche Mengen von Kryptowährungen, hauptsächlich Bitcoin und Ethereum, in die elektronischen Geldbörsen der Hacker umgeleitet wurden. Während öffentliche Blockchain-Protokolle es einfach machen, Transfers zwischen elektronischen Geldbörsen nachzuverfolgen, ist es sehr schwierig, Verbindungen zwischen Wallets und Computerterminals herzustellen oder gar grenzüberschreitend die Begünstigten zu verfolgen. 2019 stahlen unbekannte Hacker beispielsweise Bitcoins im Wert von 40 Millionen US-Dollar von der Kryptobörse Binance. Binance mußte sämtliche Abhebungen und Einzahlungen für eine Woche aussetzen, um die Sicherheit des Systems wiederherzustellen. Außerdem griff der Handelsplatz auf einen Sicherheitsfonds zurück, in den man seit 2014 10 Prozent aller vereinnahmten Gebühren eingezahlt hatte, um die betroffenen Anleger für die erlittenen Verluste vollständig zu entschädigen. Erst wenn sich der Krypto-Handel weg von zentralisierten Handelsplätzen hin zu vollständig dezentralisierten, erlaubnisfreien Peer-to-Peer-Börsen entwickelt, kann die Konzentration von Kryptowährungen in Hot Wallets vermieden und so die Anfälligkeit für Hacks eliminiert werden.

Alternativen zum direkten Erwerb über Kryptobörsen

Für Anleger, welche Kryptowährungen nicht direkt über Krypto-Börsen erwerben wollen, bieten Krypto-Broker oder auch Instrumente wie Contracts for Difference-Derivate (CFDs), Futures, Anteile an Treuhandgesellschaften („rusts), Exchange Traded Notes (ETN) und Exchange Traded Funds (ETF) praktikable Alternativen:

- Broker: Beispiele für Krypto-Broker sind Bitpanda mit Sitz in Österreich und Crypto Finance mit Sitz in der Schweiz, die beide erfahrene, professionelle und institutionelle Anleger bedienen. 

- CFDs: Contracts for Difference (CFDs) sind hochkomplexe, spekulative, außerbörsliche Derivate. Führende Handelsplattformen auf diesem Gebiet sind CMC und Plus500, die beide in Großbritannien ansässig sind.

- Futures: Mehrere Börsen bieten Bitcoin-Futures an, wie die Chicago Mercantile Exchange (CME) und das US-Unternehmen Bakkt.

- ETNs: Ein Gegenwert in Bitcoin kann auch über sogenannte Exchange Traded Notes (ETNs), also börsengehandelte Inhaberschuldverschreibungen, erworben werden, die jedoch immer ein zusätzliches Kontrahentenrisiko bergen. Ein etablierter Krypto-ETN-Anbieter ist XBT, dessen Schuldverschreibungen unter anderem an der schwedischen Börse gehandelt werden können.

- ETFs: Hashdex, ein in Brasilien ansässiger Fondsmanager, und die amerikanische Börse Nasdaq haben kürzlich einen börsengehandelten Kryptowährungsfonds aufgelegt, der an der Börse von Bermuda gelistet ist. Der größte Bitcoin-ETF mit mehr als einer Milliarde US-Dollar an Vermögenswerten ist der Purpose Bitcoin ETF, der von Purpose Investment Inc. aus Kanada verwaltet wird. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat wiederholt Anträge von US-Fondsgesellschaften abgelehnt, einen Kryptowährungs-ETF aufzulegen. Sie argumentiert, dass es keine nationale Kryptowährungs-Börse gäbe, welche die nötigen Anforderungen erfülle, um betrügerische Handlungen und und manipulative Handelspraktiken wirksam zu verhindern.

- Treuhandgesellschaften: Treuhandgesellschaften oder Trusts sind traditionellere Anlagevehikel, deren Anteile in der Regel gelistet und über Börsen gehandelt werden können. Der Gayscale Bitcoin Trust, der 2013 ins Leben gerufen wurde, ist Stand März 2021 der größte Kryptowährungs-Trust mit über 35 Milliarden US-Dollar an verwaltetem Vermögen. Seine Anteile werden seit langem mit einem erheblichen Aufschlag auf den Nettoinventarwert gehandelt. Im Februar verkehrte sich die Prämie jedoch ins Negative, da Investoren ihre Anteile zugunsten andere Investitionsmöglichkeiten, vor allem den neu aufgelegten ETFs verkauften.

- Deutsche Übersetzung des englischen Orginalbeitrags -

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Zu Beginn jedes Monats erscheint ein neuer Artikel der Reihe „Wie Bitcoin und Co die traditionelle Bankenwelt verändern“. Weitere bisher erschienene Artikel:

 

Tipps für Praktiker
  • Begreifen sie Kryptowährungen als neue, aufstrebende Anlageklasse mit besonderen technologischen und politisch-regulatorischen Risiken.
  • Berücksichtigen sie die Unterschiede in den Risiko-/Renditeprofilen von Kryptowährungen im Vergleich zu anderen Anlageklassen.
  • Versuchen sie mit Hilfe der verschiedenen Bewertungsmodelle ein Gefühl für den Wert der jeweiligen Kryptowährung zu entwickeln.
  • Machen Sie eine gründliche technische, rechtliche und kommerzielle Due Diligence, bevor Sie in eine Kryptowährung investieren.
  • Wenn sie direkt in Kryptowährungen investieren, vermeiden sie „Hot Wallets“, die besonders anfällig für Hacks sind, und erwägen sie die Verwahrung ihrer „Private Keys“ bei einer professionellen, lizensierten Kryptoverwahrstelle
  • Vergleichen Sie die Risiken und Vorteile verschiedener Instrumente, wie beispielsweise börsengehandelte Notes, Trusts und Futures, bevor sie in Kryptowährungen investieren.
Literaturverweise
Autor

Prof. Dr. Axel Wieandt

Axel Wieandt – vormals CEO/CFO einer DAX-30-Bank, Global Head of Corporate Development, FIG-Banker und McKinsey-Berater – ist ein Senior Financial Services Professional mit dem Fokus auf Banking, Fintech und Finance. Er berät derzeit US-amerikanische und europäische Private-Equity- bzw. Venture-Capital-Fonds sowie Immobilienunternehmen bei deren Investitions- und Wertschöpfungsplanungen. Außerdem ist er in den Aufsichtsräten deutscher Fintech- und Immobilien-Investmentgesellschaften tätig. Axel Wieandt ist seit einiger Zeit selbst Fintech-Investor und hat Lehraufträge an hochrangigen internationalen Hochschulen, wie beispielsweise seit 2005 als Honorarprofessor an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Er ist außerdem Autor von über 70 Forschungsarbeiten, Meinungsbeiträge und Interviews und als Vortragender auf Konferenzen gefragt. Sein Buch "Unfinished Business: Putting European Banks (and Europe) Back on Track" ist 2017 im V&R unipress Verlag erschienen.

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