Finance & Accounting

Schafft die Offenlegung von Steuerzahlungen mehr Transparenz?

Warum eine Pflicht zur Offenlegung von Bilanzsteuern bei Kleinanlegern Verwirrung stiften könnte

Für die G7-Staaten hat das Thema hohe Relevanz: Um der Öffentlichkeit zu zeigen, ob Unternehmen ihren "fairen Anteil" zahlen, verlangen Politiker und Regulierungsbehörden zunehmend, dass Unternehmen offenlegen, wie viele Steuern sie zahlen. Eine wissenschaftliche Studie zeigt, dass solche Angaben irreführend sein können: Nicht alle Firmen, die wie beispielsweise Start-ups nur geringe Steuern zahlen, sind notwendigerweise "schlechte" Unternehmer. Die Details gehen jedoch leichter verloren, wenn die Offenlegung sich nur auf die Steuerzahlungen konzentriert.

Politische Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden haben lange darüber diskutiert, ob sie die Offenlegung von Unternehmenssteuerzahlungen vorschreiben sollten. Befürworter sagen, dass solche Formen der Steuertransparenz Firmen dazu ermutigen, ihren "fairen Anteil" an Steuern zu zahlen, die Überprüfung der Einhaltung der Rechenschaftspflicht verbessern und es der Öffentlichkeit so ermöglichen, aggressive Steuervermeider zu umgehen. Die Gegner argumentieren, dass eine solche Offenlegung für die Unternehmen eine Belastung darstellt und sie dazu zwingt, sensible und geschützte Informationen auch für die Konkurrenz einsehbar zu machen. Leaks und Skandale wie LuxLeaks und die Paradise Papers haben gezeigt, dass viele Firmen steuerrelevante Informationen immer noch vor dem Fiskus verbergen können. Diese Vorfälle haben den Ruf nach einem Ende der aggressiven Steuervermeidung verstärkt und zu Debatten darüber geführt, wie dies erreicht werden kann. Neben dem globalen Mindeststeuersatz, der kürzlich von den Staats- und Regierungschefs der G7 vorgeschlagen wurde, ist die Verpflichtung zur Offenlegung von Steuerinformationen bei Unternehmen eines der wichtigsten Instrumente für politische Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden, um die Steuerehrlichkeit von Firmen zu verbessern.

Meilenstein für die Steuertransparenz von Unternehmen

Anfang Juni 2021 erzielten die Gesetzgeber auf EU-Ebene nach jahrelangem Stillstand einen Durchbruch bei der Steuertransparenz von Unternehmen. Das Abkommen verpflichtet große, multinationale Konzerne zur Offenlegung von Gewinnen und Steuerzahlungen in jedem EU-Land und zusätzlich in einigen Steueroasen. Die EU ist jedoch nicht die erste Institution, die die Offenlegung von Steuern vorschreibt. Im Jahr 2013 erließ die australische Regierung bereits ein Gesetz, das die dortige Steuerbehörde dazu verpflichtete offenzulegen, in welchem Umfang große Unternehmen tatsächlich Steuern in Australien zahlen.

Das Kalkül hinter dieser Politik ist einfach: Wenn für die Öffentlichkeit besser ersichtlich ist, wie viele Steuern Unternehmen wo zahlen, dann sollte es für sie einfacher sein, aggressive Steuervermeider zu identifizieren und sie von weniger aggressiven zu unterscheiden. Vor allem Kleinanleger könnten sich anhand solcher Informationen gegen eine Investition in Firmen entscheiden, die in ihrem Land ihren fairen Anteil an Steuerzahlungen nicht leisten, und für eine Investition in Firmen, die dies sehr wohl tun. Angesichts dieser Perspektive könnten sich einige Firmen auf weniger aggressive Steuervermeidungsmethoden beschränken.

Kleinanleger interpretieren die offengelegten Informationen möglicherweise falsch

Erfahrungen aus Australien deuten jedoch darauf hin, dass Kleinanleger und andere Personen die Informationen, die aus den veröffentlichten Steuerangaben abzulesen sind, manchmal falsch interpretieren. So gab es nach Veröffentlichung der Steuerdaten beispielsweise Medienberichte, dass Qantas Airways fast zehn Jahre lang keine Steuern gezahlt habe. Der eigentliche Grund dafür lag jedoch darin, dass das Unternehmen während der Finanzkrise schwere Verluste erlitten und in der Folge steuerliche Verlustvorträge genutzt hatte. Durch diese staatlich legitimierte Möglichkeit der steuerlichen Verlustvorträgen lassen sich Verluste mit zukünftigen Gewinnen verrechnen und Unternehmenssteuern senken. Das wirft die Frage auf, ob Kleinanleger und die Öffentlichkeit in der Lage sind zu unterscheiden, ob ein Unternehmen seine Steuerlast mit legitimen Mitteln senkt, oder ob es aggressiv Steuern vermeidet. Des Weiteren ist zu klären, ob die Veröffentlichung der Steuerangaben Kleinanlegern bei dieser Bewertung hilft oder sie sogar behindert.

Die Studie „Public Tax Disclosures and Investor Perceptions” sollte diese Fragen klären. Konkret wurde untersucht, welche Auswirkungen eine Pflicht zur Offenlegung von Unternehmenssteuerzahlungen auf die Wahrnehmung von Kleinanlegern hat. In der Studie wurde Kleinanlegern ein fiktives Unternehmen vorgestellt, das in einem Land Unternehmenssteuern unterhalb des gesetzlich geforderten Satzes zahlt. Die Studienteilnehmer sollten angeben, ob dieses Unternehmen aus ihrer Sicht seinen fairen Anteil an Steuern zahle. Allerdings senkte nicht jedes der vorgestellten Unternehmen seine Steuern auf dieselbe Art und Weise. Einige nutzten weniger aggressive Mittel (z. B. Steuergutschriften, die am Hauptsitz des Unternehmens gewährt wurden), andere nutzten aggressivere Mittel (z. B. Gewinnverschiebungen vom Hauptsitz in eine Steueroase). Zusätzlich wurde unterschieden, ob am Hauptstandort des Unternehmens eine Offenlegungspflicht für Steuerzahlungen bestand, die auch eine Veröffentlichung der Körperschaftssteuerzahlungen erforderte. Obwohl für die befragten Kleinanleger stets ersichtlich war, wie das fiktive Unternehmen seine Körperschaftssteuerzahlungen senkte, erhielten sie gesonderte Informationen über die Steuerzahlungen am Hauptsitz bei Bestehen einer Offenlegungspflicht.

Abbildung 1 zeigt die wesentliche Erkenntnis der Studie. Insbesondere wird deutlich, dass eine Offenlegungspflicht für Steuerzahlungen Kleinanlegern die Differenzierung von verschiedenen Unternehmen erschweren kann. Konkret bedeutet das, dass Kleinanleger stärker zwischen Unternehmen differenzieren, wenn keine Offenlegungspflicht besteht, weil sie dann mehr Zeit damit verbringen, herauszufinden, wie das Unternehmen seine Steuerzahlungen an seinem Hauptsitz gesenkt hat. Diese Differenzierung nimmt jedoch stark ab, wenn durch die Offenlegungspflicht die Summe der geleisteten Steuern unmittelbar veröffentlicht wird. Zudem zeigt die Studie, dass der Mangel an Differenzierung die Bereitschaft von Kleinanlegern beeinflusst, in diese Unternehmen zu investieren.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Kleinanleger unbewusst zu sehr auf die gezahlte Unternehmenssteuer konzentrieren, anstatt auf die Ursachen dafür zu schauen. Die Offenlegung der Steuerabgaben werden diese Zahlen für Kleinanleger leichter sichtbar. Sie verlassen sich in der Folge weniger auf andere Informationsquellen wie Jahresabschlüsse, anderen Finanzinformationen oder anderweitige Steuerinformationen, die ebenfalls Hinweise liefern können, ob ein Unternehmen aggressiv Steuern vermeidet.

Was können politische Entscheidungsträger und Unternehmen tun?

Auch wenn die Studie ein Warnsignal für politische Entscheidungsträger ist, zeigt sie gleichzeitig einen Weg für ein weiteres Vorgehen der Politik und der Regulierungsbehörden auf. Wenn Kleinanleger also erkennen, dass die offengelegten Informationen nur begrenzt aussagekräftig sind, ob das Unternehmen seinen fairen Anteil an Steuern zahlt, werden sie Unternehmen vielleicht nicht so vorschnell allein auf Grundlage dieser Zahlen beurteilen. Wenn Regulierungsbehörden und politische Entscheidungsträger, wie z. B. die EU, sich für eine verpflichtende Offenlegung ausgewählter Steuerinformationen entscheiden, sollten sie klarstellen, dass diese Informationen für eine Beurteilung aller Wahrscheinlichkeit nicht ausreichen. Wenn hingegen nur bestimmte Steuerinformationen offengelegt werden müssen, können Firmen durch einen freiwilligen Transparenzbericht erläutern, warum ihre Unternehmenssteuern möglicherweise nicht dem gesetzlichen Steuersatz entsprechen. Dies wird Anlegern die Bewertung erleichtern.

Tipps für Praktiker
  • Wenn Sie Zahlen zu abegführten Steuern von Firmen lesen, achten Sie darauf, dass Sie sie im richtigen Kontext betrachten!
  • Beobachten Sie die nationalen und internationalen Bestrebungen zur Offenlegung von Unternehmenssteuern. Stellen Sie sicher, dass Sie die Konsequenzen für Ihr Unternehmen absehen können.
  • Wenn Ihre Firma die Steuerabgaben durch legitime Mittel wie Verlustvorträge senkt, sollten Sie darüber nachdenken, freiwillig zusätzliche Informationen und Erläuterungen offenzulegen.
Literaturverweise und Methodik

Die Studie „Public Tax Disclosures and Investor Perceptions“, die diesem Artikel zugrunde liegt, untersucht Veränderungen in der Wahrnehmung von 421 Kleinanlegern, nachdem die Steuerangaben von Unternehmen veröffentlicht worden sind.

Autoren

Prof. Dr. Bart Dierynck

Bart Dierynck ist Professor für Rechnungswesen an der Universität Tilburg. Er beschäftigt sich vor allem mit die Entwicklung eines besseren Verständnisses von Geschäftsproblemen an der Schnittstelle zwischen Management Accounting einerseits und Organisationsverhalten, Operations Management und Unternehmensverantwortung andererseits. Prof. Diernyck hat Veröffentlichungen in Top-Journalen in den Bereichen Accounting, Operations Management und Organizational Behavior. Er hat mehrere Lehrpreise für seine Lehrtätigkeit im Bereich Management Accounting und Corporate Responsibility gewonnen. 

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Prof. Dr. Martin Jacob

Martin Jacob ist Experte für die Auswirkungen der Besteuerung von Privatpersonen und Unternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt dem Einfluss von Steuerpolitik auf Unternehmen und deren Investitionen. Seit 2019 ist er Inhaber des adidas Lehrstuhls für Finanzen, Rechnungslegung und Steuerlehre der WHU.

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Prof. Dr. Maximilian Müller

Maximilian Müller ist Kapitalmarktexperte und setzt sich mit Fragen der Offenlegung, Regulierung und Besteuerung auseinander. Maximilian Müller hat an der WHU promoviert und war danach Juniorprofessor und schließlich Inhaber des Lehrstuhls für Financial Reporting an der WHU bis 2019. Seit 2020 gehört er der Fakultät der ESMT in Berlin an. Als Academic Advisor unterstützt er die Othoz GmbH bei der Entwicklung quantitativer Anlagestrategien.

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Christian Peters

Christian Peters ist Doktorand im Bereich Rechnungswesen an der Universität Tilburg. Er forscht im Bereich Urteilsvermögen und Entscheidungsfindung im Rechnungswesen. In seiner Forschung kombiniert er die Bereiche der Rechnungsprüfung und Verhaltenswissenschaften, um herauszufinden, wie und unter welchen Bedingungen Prüfer, Prüfungsteams und Prüfungsgesellschaften ihre beste Leistung erbringen können. Um diese Forschungsfragen zu beantworten, entwirft er Experimente mit Hilfe von Programmpaketen wie oTree oder führt Analysen mit Felddaten durch.

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Dr. Victor van Pelt

Victor van Pelt ist Juniorprofessor an der WHU – Otto Beisheim School of Management und wendet experimentelle Forschungsmethoden auf Buchhaltungsthemen an. Seine Forschung konzentriert sich vor allem darauf zu verstehen, wie Menschen Offenlegung, Rechnungslegungsinformationen, Leistungsmessungen und Kontrollen produzieren, nutzen und darauf reagieren.

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