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Asiatischer Optimismus und deutscher Pessimismus

Wie unsere Kultur und das Geschlecht unsere Sicht auf Technologie prägen

Mei Wang - 20. April 2021

Technologie macht unser Leben leichter, angenehmer und interessanter. Neue Technologien können jedoch auch Risiken und Gefahren mit sich bringen. Aber welche dieser beiden Seiten technologischer Innovation überwiegt für uns? Die Antwort darauf wird stark von unserer jeweiligen Kultur beeinflusst. Dies zeigt die aktuelle Studie mit dem Titel „Opinions on technology: a cultural divide between East Asia and Germany“: Während die Menschen in ostasiatischen Ländern Technologie eher als Chance begreifen, dominieren in Deutschland die Sorgen über die Risiken.

In der Umfrage, an der mehr als 700 Menschen aus fünf Ländern teilgenommen haben, wurde die Einstellung zu drei sehr unterschiedlichen technologischen Feldern abgefragt:

  • mobiles Bezahlen mit dem Handy,
  • Strom aus Kernenergie und
  • autonomes Fahren.

Die festgestellten Unterschiede in Sachen Einstellung zur Technologie waren zwischen Menschen aus Ostasien und aus Deutschland bei allen drei Technologien ähnlich: Bei den Asiaten (China, Vietnam, Japan und Taiwan) überwog die positive Einstellung. Menschen aus Deutschland nahmen überwiegend die Risiken wahr, sahen weniger Nutzen darin und waren insgesamt kritischer gegenüber den Technologien eingestellt. Dass der Unterschied dabei nicht auf die Unkenntnis über Nutzen oder Risiken zurückzuführen ist, konnte durch eine gezielte Fragestellung zur Überprüfung des Kenntnisstands der Befragten ausgeschlossen werden. Sie sollten ihre Meinung zu einer Reihe genau beschriebener Beispiele abgeben.

Besonders überraschend ist der Unterschied in der Einstellung von Asiaten und Deutschen zur Kernenergie. Obwohl es die Japaner waren, die von der Fukushima-Katastrophe 2013 unmittelbar betroffen waren, stehen sie dieser Technologie weniger kritisch gegenüber als die Deutschen. Gleiches gilt für das autonome Fahren: Obwohl die deutschen Autofirmen Vorreiter bei Innovationen sind, ist die Akzeptanz für autonomes Fahren in hierzulande deutlich geringer als in allen untersuchten ostasiatischen Staaten.

Unsere Kultur beeinflusst die Art, wie wir Technologie wahrnehmen

Als Erklärung für den Unterschied in der Akzeptanz neuer Technologien wird gerne eine unterschiedliche Risikowahrnehmung ins Spiel gebracht, bedingt durch die Zensur der Medien in China und das Verschweigen möglicher technologischer Risiken. Sie führe mutmaßlich zu einem verzerrten Bild der Betroffenen. Diese Erklärung ist jedoch schwer haltbar. Denn auch in Taiwan, dessen Gesellschaft offen und demokratisch ist, werden die Risiken der Technologien ähnlich wahrgenommen wie in China.

Das Geschlecht spielt eine Rolle, wenn es um die Einstellung zur Technologie geht – aber nicht immer

Nicht nur die Kultur, sondern auch das Geschlecht spielt eine Rolle, wenn es um die Einstellung zur Technologie geht. Während in Ostasien die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Technologiewahrnehmung gering oder nicht signifikant sind, sind die Unterschiede in Deutschland groß: Tatsächlich sehen deutsche Männer nicht mehr Risiken oder weniger Nutzen in Technologien allgemein als Ostasiaten. Der kulturelle Unterschied ist einzig auf die deutschen Frauen zurückzuführen. Sie sind deutlich skeptischer, wenn es um Technologie geht.

Dieses signifikante Ergebnis der Studie wirft viele Fragen auf und zeigt, wie dringend eine kritische Diskussion über die Geschlechterstereotypen wäre, die einer solchen Technologieaversion deutscher Frauen zugrunde liegen.

Technologien und staatliche Kontrolle

Sollten Technologien einer strengen staatlichen Kontrolle unterstehen? Diese Frage wird in der Studie im Kontext von sozialen Medien gestellt. Es zeigte sich, dass nicht das Geschlecht und auch kaum die Kultur Einfluss auf die Beantwortung dieser Frage haben, sondern vielmehr das jeweilige politische System: Studienteilnehmer in Staaten ohne demokratische Verfassung (China und Vietnam) standen staatlicher Kontrolle von Technologien deutlich positiver gegenüber als Befragte in demokratischen Staaten (Taiwan und Japan). Es scheint, dass freie Medien den Menschen die Unzulänglichkeiten staatlicher Kontrolle und die Vorteile einer offenen Gesellschaft mit weniger Regulierungen bewusst machen. 

Was lässt sich daraus lernen?

Erstens, dass wir mit dem Narrativ aufräumen sollten, dass positive Einstellungen gegenüber neuen Technologien lediglich die Naivität einer uninformierten Öffentlichkeit in nicht-demokratischen Staaten wie China widerspiegeln. Dieses Argument lässt bewusst außer Acht, dass in demokratischen Systemen wie in Taiwan oder Japan neue Technologien wesentlich positiver wahrgenommen werden als in Deutschland. Eine kritische Selbstreflexion darüber, ob unsere Skepsis gegenüber Technologien vielleicht manchmal unverhältnismäßig und letztlich schädlich für unsere Wirtschaft und unser soziales Wohlergehen ist, wäre demnach angebracht. Zudem ist das von der chinesischen Regierung oft kolportierte Narrativ eines kulturellen Wunsches nach mehr staatlicher Kontrolle in der Regel frei erfunden: In ostasiatischen Ländern, wo die Menschen frei leben, ist der Wunsch nach staatlicher Kontrolle grundsätzlich ebenso gering wie zum Beispiel in Deutschland. Nur in nicht demokratischen Ländern wie China oder Vietnam wird staatliche Kontrolle favorisiert. Die wahrscheinlichste Ursache für den Zuspruch zu staatlicher Kontrolle liegt wohl in der Kontrolle selbst.

Zweitens lässt sich daraus lernen, dass wir Maßnahmen brauchen, um den enormen Unterschied in der geschlechterspezifischen Wahrnehmung neuer Technologien in Deutschland zu verringern. Wenn deutsche Frauen Technologien so viel kritischer gegenüberstehen als deutsche Männer, kann dies zu einer Reihe negativer Konsequenzen führen, zum Beispiel hinsichtlich der Berufswahl oder der Akzeptanz von Technologien im sozialen Bereich.

Solche Geschlechterunterschiede sind, wie das Beispiel Ostasien zeigt, keineswegs naturgegeben, sondern haben soziale Ursachen. Es ist Aufgabe des Bildungssystems, die Ursachen aufzudecken und Wege zu finden, um dies ändern. Die Lösung des Problems in einer Fokussierung auf geschlechtergerechte Sprache zu suchen, ist in diesem Fall offenbar nicht zielführend. Denn auch im Vietnamesischen und Japanischen gibt es geschlechterspezifische Sprache. Sie wird auch dort als problematisch angesehen, dennoch gibt es in diesen Ländern keine merklichen Geschlechterunterschiede in der Bewertung neuer Technologien.

Schlüsselerkenntnisse
  • Menschen in Deutschland stehen der Technik deutlich skeptischer gegenüber als Menschen in Ostasien. Die positive Einstellung der Menschen in Asien ist jedoch in keiner Weise davon beeinflusst, ob sie in einem autoritären oder demokratischen System leben.
  • Einfluss auf die Wahrnehmung von Technologie hat hingegen teilweise das Geschlecht. Frauen in Deutschland sehen deutlich mehr Risiken und weniger Nutzen in der Nutzung von Technologien als Männer. Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern muss aufgehoben werden, um Frauen die gleichen Chancen zu bieten.
  • Ob Menschen glauben, dass Technologie unter starker staatlicher Kontrolle stehen sollte oder nicht, hängt vom politischen System ab, in dem sie leben, und nicht von Geschlecht oder Kultur. Menschen in nicht-demokratischen Staaten wie China oder Vietnam stehen der staatlichen Kontrolle in dieser Hinsicht deutlich positiver gegenüber.   
Literaturverweis
  • Rieger, M. O./Wang, M./Massloch, M./Reinhardt, D. (2021): “Opinions on technology: a cultural divide between East Asia and Germany?”, Review of Behavioral Economics, im Druck.
Autorin

Prof. Dr. Mei Wang

Professor Mei Wang ist Expertin für Verhalten und Kultur im Finanzwesen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Auswirkungen von Kultur auf individuelle Präferenzen, Entscheidungen und Märkte.

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