Finance & Accounting

Wann ist es genug?

Warum wir viel mehr Informationen sammeln als nötig, bevor wir meinen, eine ausreichende Grundlage für eine gute Entscheidung zu haben

Mei Wang - 12. Mai 2022

Wir können nur eine gute Entscheidung treffen, wenn wir zuvor Nachforschungen angestellt und einige nützliche Informationen eingeholt haben. Das gilt für Studierende, die auf der Suche nach einem neuen Laptop sind, genauso wie für Elon Musk, bevor er ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft abschließt – der Prozess bleibt im Wesentlichen derselbe. Aber die Beschaffung von Informationen kann zeitaufwändig und kostspielig sein und es ist dabei wichtig, zu wissen, wann es reicht. Die Forschung hat gezeigt, dass die meisten Menschen vor Entscheidungen bei Weitem zu viele Informationen sammeln. Eine neue Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management erklärt die Gründe für dieses Phänomen. 

Wir können keine Informationen sammeln, ohne zuvor eine Investition zu tätigen – sei dies in Form von Zeit oder Geld. So muss man entweder für eine teure detaillierte Analyse von Experten zahlen oder sich selbst die Zeit nehmen, um die verfügbaren Informationen zu sichten. Daher ist es für uns absolut notwendig, zu wissen, ab welchem Punkt wir damit aufhören sollten. Das ist allerdings leichter gesagt als getan und es ist äußerst schwierig, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden: Hört man zu früh mit der Suche nach Informationen auf, riskiert man, schlecht informiert zu sein und nicht die optimale Entscheidung treffen zu können. Hört man aber zu spät auf, hat man Zeit, Energie und Ressourcen verschwendet.

Psychologen und Psychologinnen haben die Art und Weise, wie Menschen Entscheidungen treffen, eingehend untersucht und festgestellt, dass die meisten Menschen dazu neigen, zu viele Informationen zu sammeln. Bevor sie eine Entscheidung treffen, agieren sie zögerlich, gehen auf Nummer sicher und geben oftmals zu viel Geld aus, um an Informationen zu gelangen, die für sie im Grunde nicht besonders nützlich sind. Woran mag das liegen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben wir ein Experiment durchgeführt.

Warum wir dazu neigen, bei der Informationssuche zu übertreiben

Es gibt eine Reihe möglicher Gründe, warum Menschen dazu neigen, mehr Informationen zu sammeln als notwendig. Einige sind besonders risikoscheu, d. h. sie quälen sich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und sammeln weitere Informationen, um das Risiko einer möglichen Fehlentscheidung zu minimieren – auch wenn dies kostspielig ist. Auch Neugier spielt eine wichtige Rolle, denn manche Menschen wollen so viel wie möglich über ein spezielles Thema wissen, unabhängig davon, ob das Wissen hilfreich oder letztendlich überflüssig ist. Durch ein Experiment, bei dem wir als Forschende 96 Probanden gebeten haben, eine Entscheidung in einem hypothetischen Investitionsszenario zu treffen, haben wir den überraschenden Hauptauslöser für die übermäßige Aneignung von Informationen gefunden.

Die Teilnehmenden des Experiments konnten sich für zwei Optionen entscheiden: Sie konnten ihre Entscheidung ausschließlich auf der Grundlage bekannter Informationen treffen oder sie konnten zusätzliche Informationen kaufen, bevor sie sich entschieden. In beiden Fällen standen den Probanden verlässliche Informationen zur Verfügung. Das Experiment war dabei so angelegt, dass wir die verschiedenen möglichen Erklärungen für den übermäßigen Kauf von Informationen untersuchen und nachvollziehen konnten. Weder Risikoaversion noch Optimismus oder Neugier konnten den Effekt in nennenswertem Umfang erklären. Stattdessen sammeln Menschen zu viele Informationen, weil sie fälschlicherweise glauben, dass zusätzliche Daten der Schlüssel zu einer fundierten Entscheidung sind – auch wenn dies unwahrscheinlich oder manchmal sogar unmöglich ist. Eine übermäßig optimistische Haltung gegenüber zusätzlichen Informationen kann sogar gefährlich sein, da sie eine gewisse Selbstüberschätzung widerspiegelt, die uns die Fähigkeit nehmen kann, eine wirklich fundierte Entscheidung zu treffen.

Einen kühlen Kopf bewahren

Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen und mit Ungewissheit umzugehen, und verfallen in ein falsches Gefühl von Sicherheit, sobald mathematische Formeln und komplizierte Berechnungen im Spiel sind. Ein Experte sagt uns beispielsweise, dass Investition A eine Erfolgschance von 70 Prozent hat. Dennoch fühlen wir uns häufig besser mit Investition B, von der uns zwei Experten sagen, dass deren Erfolgschance bei 60 Prozent liegt. Aber führt uns diese Einschätzung dazu, die richtige Wahl zu treffen? Überraschenderweise nein! Selbst wenn sich mehrere Experten über die Erfolgsaussichten der zweiten Investition einig sind, bleibt die erste Investition die bessere Option. Wenn wir eines aus diesem Experiment mitnehmen können, dann dass die Vernunft bei Entscheidungsprozessen im Mittelpunkt stehen sollte. Zu viel Nachdenken, zu viel Forschen und zu viel Analysieren helfen uns letztlich nicht bei der Entscheidungsfindung.

Tipps für Praktiker
  • Lassen Sie sich nicht von den vielen verfügbaren Informationen beirren! Überlegen Sie rational, wie viele Informationen Sie tatsächlich benötigen, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Es gibt eine Grenze.
  • Manager und Projektleitende sollten daran denken, dass das Sammeln von Daten ein zeit- und/oder kostenintensiver Prozess ist, der mehr Schaden als Nutzen bringen kann.
  • Es gibt viele Faktoren, die unseren Entscheidungsprozess beeinflussen, aber bedenken Sie, dass übermäßiges Vertrauen in zusätzliche Informationen unsere wahre Achillesferse ist.
Literaturverweise und Methodik

Für das Experiment wurden 96 Studierende der Universität Zürich gebeten, eine Entscheidung auf der Grundlage einer Reihe von verlässlichen Informationen zu treffen. Das Forschungsteam versuchte dabei herauszufinden, ob Menschen im Durchschnitt mehr Informationen suchen als nötig, und zwar aufgrund verschiedener Faktoren wie Risikoaversion, Unsicherheit, Überoptimismus und Neugier. Die Ergebnisse wurden im Journal of Economic Psychology veröffentlicht.

Autorin

Prof. Dr. Mei Wang

Professor Mei Wang ist Expertin für Verhalten und Kultur im Finanzwesen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Auswirkungen von Kultur auf individuelle Präferenzen, Entscheidungen und Märkte.

Erfahren Sie mehr