Sports and Management

Warum sich das Sportbusiness heute schon mit dem Thema Robotik beschäftigen sollte

Zahlreiche neue Robotik-Anwendungen sind in Zukunft im Sport denkbar

Der globale Markt für Robotik ist längst milliardenschwer, weil Roboter in vielen Industrien zunehmend das Handeln übernehmen. Diese Entwicklung wird auch die Sportbranche verändern. Doch welche Mehrwerte bietet die neuartige Technologie für Clubs, Ligen, Verbände sowie Athleten und die Sportkonsumenten in der Zukunft?  Prof. Dr. Sascha L. Schmidt, Inhaber des Lehrstuhls für Sports and Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management, und Doktorand Johannes Fühner sehen großes Potenzial für das Sportbusiness, Kosten zu sparen und in Training, Wettkampf sowie beim Thema Fan-Engagement neue Dimensionen zu erreichen.

- Expertenmeinung -

Die Bezeichnung „Roboter“ wurde im vergangenen Jahr 100 Jahre alt. Sie löst bei den Menschen vor allem Fantasien vom „Terminator“ bis zu R2D2 in „Star Wars“ aus. Robotik hat in den letzten Jahrzehnten aber weit mehr Branchen grundlegend verändert als die Filmindustrie. In der Automobilindustrie etwa sind Unternehmen wie der Augsburger Roboterhersteller Kuka längst nicht mehr wegzudenken und erzielen Umsätze in Milliardenhöhe. Millionen von Industrierobotern sind an Fließbändern im Einsatz, sie reinigen Böden, räumen Lager ein und aus, transportieren Material. Im Gesundheitswesen können Roboter-Pflegekräfte entlasten und im Rahmen erster Prototypen sogar als Arzt fungieren. Roboter sind längst keine Science-Fiction-Geschöpfe mehr. Sie sind vielmehr Teil unseres Alltags geworden und eines scheint klar: Sie werden vor dem Sport nicht haltmachen.

Und so gibt es bereits heute zahlreiche Anwendungsbeispiele im Sport, was kaum überrascht. Was im Jahr 1997 mit dem Sieg des Schachroboters Deep Blue über den damaligen Weltmeister Garry Kasparov begann, wurde seitdem stetig ausgebaut. Im „RoboCup“ treten inzwischen jährlich Roboter auf globaler Ebene im Fußball und in weiteren Disziplinen gegeneinander an. Ein weiteres Beispiel ist das sogenannte „Roborace“ – die erste Rennserie mit vollständig autonomen Fahrzeugen. Namhafte Partner wie Michelin oder Nvidia unterstützen das Projekt.

Der nächste Quantensprung in der Robotik wird mit Sicherheit durch künstliche Intelligenz (KI) ermöglicht. Mithilfe von KI können Roboter sich selbst trainieren und neue Fähigkeiten eigenständig erlernen. Hinzu kommt, dass die für Robotik benötigten technischen Komponenten, wie zum Beispiel Sensorentechnik oder Rechenkapazität, immer kosteneffizienter werden.

Im Folgenden zeigen wir anhand von zwei konkreten Anwendungsfällen beispielhaft auf, wie Robotik die Welt des Sports zukünftig verändern könnte. Wir wagen dabei ganz bewusst den Blick in die ferne Zukunft, auch wenn manches aus heutiger Sicht noch schwer vorstellbar ist.

Roboter im Training

Schon heute unterstützen Roboter das Training von Sportlern, auch wenn sich ihr Einsatz bislang meist auf relativ simple Aufgaben beschränkt. Dabei handelt es sich nicht immer um menschengroße Roboter – oftmals erweisen sich kleinere Applikationen als praktikabler. Im Golf werden beispielsweise Roboter eingesetzt, die als Caddy agieren oder Bälle auf dem Golfplatz einsammeln können. Im Tischtennis und Tennis gibt es bereits seit Langem intelligente Ballmaschinen, die verschiedenste Schläge mit variierender Geschwindigkeit und Drall simulieren können.

Auch im Fußball gibt es erste Anwendungsfälle wie zum Beispiel den Footbonaut, den unter anderem die TSG Hoffenheim und Borussia Dortmund im Trainingsbetrieb von Nachwuchsmannschaften einsetzen. Darüber hinaus gibt es vielversprechende Ansätze zur Nutzung von automatisierten Drohnen, um das Trainingsgeschehen aus der Vogelperspektive aufzunehmen und so zum Beispiel die Abstände der Abwehrketten detailgenau zu erfassen. Das japanische Start-up Red Dot Drone arbeitet mit Unterstützung renommierter Partner, wie dem Technologiekonzern Nvidia und dem Sportstech-Accelerator HYPE Sports Innovation, an spezifischen Drohnen für Fußball und Rugby.

Mit diesen Entwicklungen steckt die Robotik im Sport allerdings noch relativ in den Kinderschuhen. Deutlich weitreichendere Veränderungen könnten bevorstehen, sobald sogenannte humanoide Roboter menschliche Verhaltenszüge annehmen. Das wohl bekannteste Beispiel ist „Sophia the Robot“, der von der amerikanischen Firma Hanson Robotics entwickelt wurde und verblüffend menschlich handelt. Das Unternehmen hat inzwischen rund 22 Millionen Dollar Investitionskapital eingesammelt und tritt mit der ausdrücklichen Zielsetzung an, humanoide Roboter künftig in allen Lebensbereichen einsetzen zu wollen.

In ferner Zukunft könnten solche humanoiden Roboter den perfekten Trainingspartner für Profisportler darstellen. Dies wird möglich, wenn sie die Spielweise des nächsten Gegners erlernen und imitieren können. Anwendungsfälle sind in vielen Sportarten denkbar – ein Baseball-Roboter, der den Wurfstil eines Pitchers imitiert, ein Fußball-Roboter, der Freistöße schießt wie Cristiano Ronaldo, ein Tennis-Roboter, der aufschlägt wie Roger Federer, und vieles mehr. Sogar Hobbysportler könnten so in den Genuss kommen, sich mit ihren Idolen in Form von humanoiden Robotern messen zu können. Künstliche Intelligenz wird den humanoiden Robotern helfen, ihren Einsatz auf die ganz individuellen Bedürfnisse eines Individual- oder Mannschaftssportlers einzustellen.

Neue Wettkampfformen dank Robotik

Robotik-Lösungen ermöglichen es, die Leistungsfähigkeit eines Sportlers signifikant zu verbessern – beispielsweise durch sogenannte Exoskelette. Dabei handelt es sich um am menschlichen Körper getragene mechanische Strukturen, die relativ leicht entfernbar sind und die eigene Muskelkraft verstärken. Sie werden deshalb auch als Roboteranzüge bezeichnet. Forschungsergebnisse des Harvard Wyss Institute zeigen, dass der Krafteinsatz eines Läufers bei gleichbleibendem Tempo durch ein weiches Exoskelett um mehr als fünf Prozent reduziert werden kann. Falls zukünftig solche Hilfsmittel für Wettkämpfe zugelassen würden, könnten in vielen Disziplinen Rekorde in heute kaum vorstellbaren Dimensionen aufgestellt werden.

Erste Geschäftsmodelle mit Exoskeletten im Sport wurden bereits erprobt. So bieten unter anderem die französische Firma Ski-Mojo sowie die amerikanische Firma Roam Exoskelette für Skifahrer im Profi- und Freizeitsport an, um menschliche Muskelkraft verstärken zu können. Deutlich weiter fortgeschritten sind solche Anwendungen bereits im Militär, der Reha-Medizin und der Produktionsindustrie. Der globale Markt für Exoskelette wird derzeit auf knapp 200 Millionen US-Dollar geschätzt und soll innerhalb der nächsten zehn Jahre auf fast sechs Milliarden US-Dollar wachsen.

Weiterentwicklungen in der Robotik könnten außerdem dazu führen, dass der altbekannte Wettkampf Mensch gegen Maschine ein neues Interesse erfährt. In vielen Sportarten könnte die technologische Weiterentwicklung bewirken, dass Roboter das Leistungsvermögen von realen Sportlern erreichen oder sogar übertreffen. Wird beispielsweise eines Tages eine Robotermannschaft in der Lage sein, gegen den amtierenden Fußball-Weltmeister zu gewinnen? Genau diese Ambition geben die Organisatoren des „RoboCups“ als explizites Ziel bis 2050 aus. Zwar ist dies derzeit noch schwer vorstellbar, aber glaubt man den Technologieexperten, dann könnte dies in ferner Zukunft durchaus ein realistisches Szenario sein. In anderen Sportarten, wie im Schach oder im Curling, ist der Mensch Computern längst unterlegen. So konnte der vom Max-Planck-Institut entwickelte Roboter „Curly“ professionelle Curler bereits mehrfach besiegen.

Darüber hinaus könnten sich reine Roboterwettkämpfe etablieren, die heute höchstens in Science-Fiction-Filmen wie „Real Steel“ stattfinden. Dies würde ein Kräftemessen der Wissenschaftler und Ingenieure hervorrufen – und damit völlig neue Disziplinen des sportlichen Wettkampfs. Die Drone Racing League (DRL) ist ein eindrückliches Beispiel für die Entwicklung einer neuen Sportart auf Basis von Robotik-Technologie. Das Potenzial erscheint sowohl bei Fans als auch bei der werbetreibenden Industrie gegeben: Im Jahr 2020 ging die DRL bereits in ihre fünfte Saison und zog dabei das Interesse von mehr als 200 000 Instagram-Followern und namhaften Sponsoren, wie der Allianz als Titelsponsor, auf sich.

Implikationen für Entscheidungsträger im Sportbusiness

Die Technologie entwickelt sich auch innerhalb der Robotik unaufhaltsam weiter und wird in vielen Industrien direkten Nutzen stiften. Für Entscheidungsträger im Sportbusiness stellt sich die Frage, ob neuartige Technologien der Robotik wirklich einen Mehrwert für Clubs, Ligen, Verbände sowie Athleten und Sportkonsumenten bieten.

In einigen Bereichen ist bereits heute im Sportbusiness ein klarer ökonomischer Mehrwert durch Robotik erkennbar. Über voll automatisierte Robocams können zum Beispiel die Kosten für Sportübertragungen erheblich gesenkt werden. Das Kölner Unternehmen Sporttotal hat auf diese Weise inzwischen mehr als 35.000 Livestreams aus acht Sportarten produziert. Besonders in Randsportarten abseits des Königs Fußball erschließen sich ganz neue Umsatzpotenziale, da sich eine TV-Vermarktung mit herkömmlicher Produktionstechnik oftmals gar nicht rechnet. Verbessert sich die KI-gestützte Technologie im gleichen Tempo weiter, so ist es denkbar, dass eines Tages auch Partien der Fußball-Bundesliga automatisiert übertragen werden.

Tipps für Praktiker
  • Fokussieren Sie sich auf die Wertschöpfung: Nur weil eine Technologie neu auf dem Markt ist, generiert sie nicht automatisch einen Mehrwert. Daher ist ein wichtiges Kriterium, dass jede Robotik-Anwendung für den Konsumenten auch einen Mehrwert bietet. Wenn es an der Nachfrage mangelt, ist auch die am weitesten fortgeschrittene Robotik-Anwendung zum Scheitern verurteilt.
  • Skalieren Sie Ihren Einfluss mithilfe von Robotik: Robotik stellt schon aus Kostengründen einen Gamechanger dar. Heute schon werden Amateur-Fußballspiele mit Robotik-Kameras übertragen. Zukünftig werden sich die Qualitätsstandards weiter erhöhen und völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen.
  • Seien Sie kreativ, wenn Sie an neue sportliche Wettbewerbe denken: Die Robotik bietet die Möglichkeit, völlig neue Wettbewerbe zu erschaffen. So könnten beispielsweise Menschen gegen Maschinen antreten – auch im Fußball. Zusätzlich könnte auch der Kampf Maschine gegen Maschine viele Fans anlocken.
Originalpublikation

Der Originalartikel „Warum sich das Sportbusiness heute schon mit dem Thema Robotik beschäftigen sollte“ erschien auf der Plattform SPONSORs am 02. März 2021: https://www.sponsors.de/news/themen/sportbusiness-robotik

Autoren

Prof. Dr. Sascha L. Schmidt

Sascha L. Schmidt ist Professor, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU – Otto Beisheim School of Management am Standort Düsseldorf. Gleichzeitig ist er akademischer Leiter der SPOAC - Sports Business Academy by WHU und Affiliate Professor am Laboratory for Innovation Science at Harvard (LISH) der Harvard University in Boston/USA. Schmidt widmet sich der „Zukunft des Sports“ als einem seiner zentralen Forschungsschwerpunkte.

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Johannes Fühner

Johannes Fühner ist Doktorand am Center for Sports and Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf und Programm-Manager der SPOAC (Sports Business Academy by WHU). Im Rahmen seiner Promotion beschäftigt er sich mit Diversifikationsstrategien im Profisport und analysiert die Frage, inwiefern Sportorganisationen von diversifizierten Geschäftsmodellen profitieren können. In diesem Zusammenhang untersucht er auch den Einfluss neuer Technologien auf die Sportbranche.

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