Supply Chain Management

Wie Lieferketten widerstandsfähiger werden

Mithilfe eines datengestützten Resilienzindex können Unternehmen Anfälligkeiten früher erkennen und gegensteuern

Lieferketten sind bei unvorhergesehenen Ereignissen störungsanfällig, das hat die Corona-Krise deutlich gezeigt. Eines von vielen Beispielen für gestörte Lieferketten ist die derzeitige Halbleiterknappheit, mit der nicht nur die Autohersteller zu kämpfen haben. Was aber können Unternehmen tun, um sich auf schwierige Situationen vorzubereiten? Wie können sie eigene Schwächen frühzeitig erkennen? Forscher der WHU – Otto Beisheim School of Management haben durch das Konsortialprojekt SPAICER eine Antwort darauf gefunden. Das Konzept eines datengestützten Resilienzindexes eröffnet die Möglichkeit, Schwächen in Lieferketten zu simulieren, noch bevor diese überhaupt unterbrochen werden.

Resilienz – die Fähigkeit, bei Störungen Auswege zu finden und weiterhin zu funktionieren – ist für Unternehmen der zentrale Faktor, um erfolgreich in Krisensituationen bestehen zu können. Sie kann durch gute Vorbereitung, gezielte Reaktionen auf Störungen und durch Anpassungsfähigkeit an neu entstandene Situationen erhöht werden. Aber wie kann ein Unternehmen erkennen, wie resilient es ist? Oft fehlen entsprechende Messwerkzeuge, was die Handlungsfähigkeit der Unternehmen einschränkt. Denn, wie der Ökonom Peter Drucker es ausdrückte: „Nur was man messen kann, kann man auch steuern.“

Diese Lücke könnte ein datengestützter Resilienzindex schließen. Das Konzept eines simulationsbasierten Ansatzes des SPAICER-Projekts geht darauf ein, wie gut ein Unternehmen mit möglichen Störungen umgehen kann. Dabei kann der Index Aufschluss über die Resilienz eines Unternehmens geben, indem er simuliert, inwiefern sich die Leistungsfähigkeit einer Firma ändert, wenn sie mit speziellen, schwierigen Situationen konfrontiert wird. Ist eine Firma resilient, wird sich ihre Leistung auch bei Störungen von Lieferketten kaum verschlechtern. Wichtig ist dabei, dass mit dem Resilienzindex nicht nur eine einmalige Einschätzung erfolgt, sondern ein kontinuierlicher Prozess eingeleitet wird, der zum Tagesgeschäft eines Unternehmens gehört und für den entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden sollten.

Die Stärken des Ansatzes liegen in seiner Objektivität und individuellen Anpassbarkeit: Anders als Strategien, die sich auf subjektive Erfahrungswerte stützen, erlaubt ein datengestützter Ansatz, objektiv und präzise Schwachstellen zu identifizieren. Da jedes Unternehmen anders ist, bietet er nicht nur eine Standardlösung für alle an, sondern berücksichtigt Eigenheiten in der Organisationsstruktur und Produktausrichtung ebenso wie die individuelle Entwicklung jedes Unternehmens. Um die eigene Resilienz zu stärken, sollte jedes Unternehmen diese aktiv managen und ihre potenziellen Schwächen so früh wie möglich identifizieren.

Darüber hinaus könnte dieser Index effizienter als bisherige Indizes sein. Es werden kontinuierlich große Datenmengen erhoben und ausgewertet, ohne dass dafür ein übermäßiger Einsatz von Personal erforderlich wäre. Die Ergebnisse eignen sich zu einer quantitativen Kosten-Nutzen-Analyse, mit der die Unternehmen geeignete Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz ergreifen können. Vorteile bietet ein datengestützter Ansatz auch im modernen betrieblichen Umfeld, da Unternehmen zunehmend unter volatileren, unsichereren, komplexeren und uneindeutigeren Bedingungen funktionieren müssen.

Schwierigkeiten sieht das SPAICER-Konsortium nur in der oft noch eingeschränkten Verfügbarkeit von Daten, zum Beispiel durch Datensilos – Datenbestände, auf die nur bestimmte Nutzergruppen zugreifen können. Um die Verfügbarkeit der Daten zu verbessern, ist es für Unternehmen ratsam, in die eigene IT-Infrastruktur zu investieren und ein einheitliches „Datenökosystem“ aufzubauen.

Tipps für Praktiker
  • Nutzen Sie als Unternehmer:in die erhöhte Objektivität des SPAICER-Resilienz-Index! Dieser Ansatz ermöglicht es Unternehmen, objektiv verbesserungswürdige Bereiche innerhalb ihrer Resilienzstrategie zu ermitteln. Dabei müssen Sie nicht länger auf subjektive Messungen oder Erfahrungen von Einzelpersonen vertrauen, deren Einschätzungen möglicherweise voreingenommen sind. Diese Tatsache konnte bei Industrieunternehmen oft beobachtet werden. Ein ganzheitlicher, datengestützter Ansatz kann über das hinausgehen, was subjektive, auf Fragebögen basierende Indizes offenbaren, und ermöglicht letztlich eine weitaus gezieltere und detailliertere Resilienzanalyse.
  • Profitieren Sie in Ihrem Unternehmen durch den Resilienzindex von besserer Skalierbarkeit! Die fallspezifische Anwendung des Resilienzindex ermöglicht eine größere Skalierbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Index, der unternehmensspezifische Merkmale wie die Organisationsstruktur, das Produkt- und Dienstleistungsangebot oder das Umfeld der Unternehmen besser abbildet. Der Resilienzindex wird daher bewusst nicht als Plug-and-Play-Lösung angeboten, sondern als evolutionärer Prozess.
  • Machen Sie sich die gesteigerte Resilienz zunutze! Der Ansatz des Resilienzindex ist gut geeignet, um quantitative Kosten-Nutzen-Analysen zur Auswahl der richtigen Resilienzmaßnahmen zu ergreifen. Im Gegensatz zu bestehenden Resilienzindizes berücksichtigt der datenbasierte Resilienzindex beispielsweise die sich ständig ändernden Bedingungen eines Unternehmens. Er berücksichtigt große Mengen von Daten aus internen und externen Quellen bei der Resilienzbewertung. Einmal implementiert, bietet der datenbasierte Resilienzindex daher eine bequeme Möglichkeit, die Resilienzfähigkeiten eines Unternehmens kontinuierlich zu überprüfen und gleichzeitig die personalintensiven Aspekte früherer Ansätze zu eliminieren.

Literaturverweise und Methodik

Die Studie ist Bestandteil des größeren Forschungsprojekts SPAICER, welches vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) finanziert wird ("Scalable adaptive production systems through AI-based resilience optimization"). Die Forschung ist ein Gemeinschaftsprojekt, welches zusammen mit verschiedenen Industriepartnern und Universitäten durchgeführt wird.

  • Öksüz, N.; Bouschery, S.; Schlappa, M.; Unterberg, M.; Sporkmann, J. (2021): Towards an Artificial Intelligence based Approach for Manufacturing Resilience, in: 22. VDI-Kongress AUTOMATION 2021 - Navigating towards resilient production. VDI Automatisierungskongress (AUTOMATION-2021), 29./30. Juni 2021.
Autoren

Jan Sporkmann

Jan Sporkmann ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Bei seiner Forschung konzentriert er sich auf die Entwicklung eines digitalen Güter-Handelsplatzes und die Resilienz von Lieferketten. Jan Sporkmann hat einen Master-Abschluss in Wirtschaftsingenieurwesen der RWTH Aachen und einen Master-Abschluss in Maschinenbau der Tsinghua Universität, Peking. Vor seiner Arbeit an der WHU arbeitete er als Unternehmensberater bei McKinsey & Company.

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Martin Schlappa

Martin Schlappa ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Resilienz von Lieferketten und der praktischen Anwendung von Maschinenlernen, insbesondere dem Verstärkungslernen in Industrieanlagen. Er hat einen Bachelor-Abschluss der Betriebswirtschaftslehre der WHU und einen Master-Abschluss in internationalem Management von der London School of Economics and Political Science. Zuvor arbeitete er als Unternehmensberater bei McKinsey & Company.

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Jonas Winkelmann

Jonas Winkelmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Sustainable Supply Chain Management und der Resilienz von Lieferketten. In seiner Doktorarbeit beschäftigt er sich insbesondere mit der Optimierung der Dekarbonisierung von kommerziellen Transportflotten. Zuvor arbeitete Jonas Winkelmann als Unternehmensberater bei McKinsey & Company, wo er sich auf das strategische Design physischer Lieferketten spezialisierte.

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Prof. Dr. Stefan Spinler

Prof. Dr. Stefan Spinler ist Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschung konzentriert sich vorwiegend auf die Bereiche Nachhaltigkeit von Lieferketten und deren Risikomanagement. Alle Forschungsaktivitäten werden zusammen mit führenden Logistikdienstleistern und Industrieunternehmen durchgeführt. Prof. Spinler war bereits als Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology und an der University of Pennsylvania, The Wharton School, tätig.

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