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Fünf Fragen an Benjamin Roos 

Welche Lehren Startups aus der Corona-Krise ziehen können

Die WHU Alumni Benjamin Roos und Andreas Wels gründeten Studitemps 2008. Heute beschäftigen sie monatlich mehr als 10.000 Studenten.

Was ist der passende Job für mich und wie komme ich unkompliziert daran? Diese Fragen stellen sich viele Studierende. Ein Unternehmen, das während und auch nach dem Studium Antworten darauf gibt, ist Studitemps. Gegründet wurde es 2008 von den WHU-Absolventen Benjamin Roos und Andreas Wels und ist seitdem enorm gewachsen: Zehntausende Studierende wurden über die Jahre von dem digitalen Arbeitgeber beschäftigt. Mittlerweile hat das Unternehmen mehr als 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an bundesweit 23 Standorten. Aber auch mit einem gut aufgestellten Online-Angebot schlägt die Corona-Krise auf den gesamten Arbeitsmarkt durch. Wie es dem Startup von 2008 bislang ergangen ist, wie man bei Studitemps mit der Corona-Krise umgeht und welche Lehren andere Startups daraus ziehen können, beantwortet Benjamin Roos, Founder und Managing Director von Studitemps.

1. Studitemps hat seit seinem Bestehen 2008 einige bedeutende Entwicklungen durchlebt und expandiert auch heute noch. 2018 gab es den Marken-Relaunch. Wie ist der aktuelle Stand und was ist das Erfolgsrezept?

„Freude an Veränderung” und „Freiheit zu handeln” sind zwei Werte, die ziemlich nah an ein “Erfolgsrezept” rankommen. DAS Erfolgsrezept gibt es nicht, es hat viel mit der Einstellung jedes Einzelnen zu tun.

Auch wenn die Idee von Anfang an Studitemps war, also ein digitaler Arbeitgeber für Studenten, haben wir begonnen mit der Online-Jobbörse Jobmensa und haben Jobanzeigen verkauft. Wir haben außerdem Studenten als Umzugshelfer, Babysitter und Immobilienbesichtiger vermittelt. Wir haben also viel verändert, bis wir uns auf unser jetziges Geschäftsmodell Zeitarbeit mit Studenten fokussiert haben. Und diese Veränderungen gehen jeden Tag weiter. Erst kürzlich haben wir unser Unternehmensportal und unsere App gelauncht, so dass noch dieses Jahr ein Self-Service in der Zeitarbeit möglich wird, ähnlich Uber oder mytaxi.

Ein anderer Teil dieser Veränderung war es, uns von einem stark zentralisierten Unternehmen mit Sitz in Köln zu einem dezentralisierten Unternehmen mit 23 Standorten zu entwickeln. Jeder Standort ist hierbei ein Unternehmen im Unternehmen und wir möchten jedem Mitarbeiter größtmögliche Freiheit zu handeln geben, um nah am Wohl der Studierenden und der Unternehmenskunden zu entscheiden. Die nächsten großen Veränderungen werden sicherlich auf dem Weg der vollständigen Digitalisierung unseres Geschäftsmodells liegen.

2. Was unterscheidet Ihre Plattform von zahlreichen anderen Jobvermittlern?

Vor allem sind wir keine Jobbörse, wir sind Arbeitgeber für circa 10.000 Studierende im Monat. Die Studierenden haben einen Arbeitsvertrag mit uns, wir zahlen ihnen den Lohn aus, kümmern uns um Krankheit, Urlaub und Feiertage. Wenn der Job bei einem Unternehmen endet, kümmern wir uns um den nächsten. Das ist eher mit einer Unternehmensberatung und den dort tätigen -beratern vergleichbar, als mit einer Jobbörse.

Oftmals sind wir der erste Arbeitgeber für Studierende. Da ist es wichtig, auch vor Ort und online für sie da zu sein und eine persönliche Betreuung zu bieten. Andere setzen auf ein rein digitales Angebot. Wir haben natürlich auch ein gut aufgestelltes Online-Angebot und theoretisch können die Studierenden auch alles per App erledigen – trotzdem schätzen sie uns nicht nur als Dienstleister, der einen Job vermittelt, sondern eben auch als offenes Ohr für Probleme und Fragen. Unsere Türen an den Standorten stehen immer offen für ein Gespräch, egal ob es um den richtigen Lebenslauf oder um Fragen zur Lohnabrechnung geht. Dazu kommt: Unser Service ist ganzheitlich gedacht: Wir können ein Partner vom Abi bis hin zu den ersten fünf Berufsjahren sein. Heißt, wir unterstützen junge Talente dabei, ihr Studium zu finanzieren und vermitteln nach dem Abschluss auch noch passende Jobs für Young Professionals. Das ist in Deutschland einzigartig.

3. Die Corona-Krise bedeutet gesamtwirtschaftlich einen schweren Schlag. Wie besteht man diese Prüfung als Startup?

Wir haben uns schon immer sehr breit aufgestellt, sind in sehr vielen Branchen aktiv. Flexibilität ist schon immer unser Kerngeschäft. Im Mode- oder Technikeinzelhandel oder auch im Mobility-Bereich sind uns von heute auf morgen die Umsätze komplett weggebrochen. Dafür war die Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel umso höher. Auch in der Logistik des Online-Handels steigt der Bedarf und wir sehen erste Aufträge aus dem Gesundheitswesen und bei Erntehelfern.

Wir sind aufgrund unserer selbstentwickelten Software in der Lage, von heute auf morgen ins Home Office zu wechseln. Wir haben ein Unternehmensportal, bei dem Unternehmen die Schichtplanung etc. einsehen können. Außerdem haben wir ein Studentenportal, bei dem die Studenten ihre Unterlagen online hochladen, Einsätze annehmen, Arbeitsverträge und Zeiten bestätigen können. Auch die Tools für unsere internen Mitarbeiter sind komplett webbasiert und wir können theoretisch von jedem Ort der Welt arbeiten.

Da wir quasi durchgehend neue Prozesse und Software in unserem Unternehmen einführen, ist es jeder gewöhnt, auf sich verändernde Rahmenbedingungen schnell zu reagieren und sich anzupassen. Das ist in Nicht-Krisenzeiten ziemlich anstrengend, hilft uns aber gerade ungemein.

4. Die Krise geht auf absehbare Zeit an niemandem spurlos vorbei, ganz besonders aber auch nicht am Arbeitsmarkt. Das wirkt sich unmittelbar auf Ihr Geschäftsmodell aus. Ist das eine große Herausforderung oder sind Sie flexibel genug aufgestellt?

Man muss jetzt sehr flexibel reagieren und schnell Entscheidungen treffen. Für uns ist zunächst auch ein großer Teil des Geschäfts eingebrochen: Aufträge im Eventbereich, der Gastronomie oder im stationären Handel sind quasi auf null gefallen. Trotzdem war der März 2020 einer der stärksten in unserer Geschichte. Warum? Weil wir schnell gesehen haben, in welchen Bereichen gerade eine enorme Nachfrage nach flexiblen Arbeitskräften herrscht: Lebensmitteleinzelhandel, Logistik, Transport und nun anlaufend in der Erntehilfe und im Gesundheitsbereich. Auf der anderen Seite haben Studierende gerade viel Zeit, da sich der Start des neuen Semesters verschiebt und vielen ebenfalls der Nebenjob oder Werkstudentenjob weggefallen ist und sie jetzt bei uns auf die Suche nach Jobs gehen. Wir sind also in der schönen Situation, dass wir vielen Studenten helfen können, weiterhin eine Geldquelle zu haben.

Gleichzeitig war die Zeitarbeit in den letzten Krisen immer ein guter Frühindikator: Zeitarbeiter sind zwar oft die ersten, die in der Krise gehen müssen, wenn danach die Unsicherheit aber noch hoch ist und Unternehmen noch nicht sicher sind, ob die Krise wirklich überwunden ist, werden zuerst die flexiblen Möglichkeiten hochgefahren, bevor es die ersten Festanstellungen gibt. Aus diesem Grund versuchen wir uns als zuverlässiger Partner zu positionieren, der schnell Personal zur Verfügung stellen kann und dabei nicht die Preise anhebt.

5. Kann man die Corona-Krise auch als Chance begreifen, sich im digitalen Raum weiterzuentwickeln und vielleicht auch dauerhaft neue Möglichkeiten der Beschäftigung finden?

Ich denke, die Krise ist im Bezug auf die Arbeit eine Chance, gewisse Glaubenssätze zu überdenken. Müssen wir wirklich jeden Tag acht Stunden im Büro arbeiten? Müssen wir unsere Arbeit immer zwischen 9 Uhr und 18 Uhr erledigen? Müssen wir unser ganzes Leben in Vollzeit arbeiten?
Wäre es nicht viel schöner, von jedem Ort der Welt arbeiten zu können, mit Arbeitszeiten, die unseren persönlichen Neigungen (Eulen und Lerchen) mehr entsprechen? Gleichzeitig könnte die Arbeit noch stärker flexibilisiert werden: Diese Woche 20 Stunden, nächste Woche 60 Stunden, je nachdem, wie viel zu tun ist.

Als Gesellschaft müssen wir Antworten auf diese Fragen finden, insbesondere, da in Deutschland bis 2030 drei Millionen Arbeitnehmer die arbeitende Bevölkerung verlassen werden.

Ich denke, dass viele digitale Tools bleiben werden. Bei uns haben sich beispielsweise die Slack-Nachrichten und somit auch die Slack-Nutzung vervierfacht. Gleiches gilt für Videotelefonie, aber auch für die Nutzung unserer App und unseres Unternehmensportals. Die Krise hat hier die Umstellung stark beschleunigt.