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Fünf Fragen an Repair Rebels

WHU-Start-up bietet Kleidung ein neues Leben und einen höheren Stellenwert

Foto: Andreas Endermann

Das Thema Nachhaltigkeit wird für Unternehmen immer bedeutsamer, weil es zunehmend die Kaufentscheidung von Kundinnen und Kunden beeinflusst. Eine Branche, die sich zwar seit Längerem um mehr Nachhaltigkeit bemüht, aber in diesem Bereich noch immer deutlichen Nachholbedarf hat, ist die Textil- und Modeindustrie. Dort setzt Dr. Monika Hauck an, indem sie Kleidung zu einem längeren Leben verhelfen möchte. Die WHU-Absolventin, die 2019 ihren Doktortitel erlangte und mehrere Jahre das Entrepreneurship Center der Hochschule leitete, kennt sich als ehemaliges Model in der Branche bestens aus. Mittlerweile hat sie auch ihr eigenes Unternehmen gegründet. Mit ihrem Start-up Repair Rebels möchte sie mit einem Reparaturservice ein neues Wertebewusstsein für Kleidung und eine Alternative zur Wegwerfkultur schaffen.  

1. Viele Kleidungsstücke bekommen wir heute im Discounter schon für wenige Euro zu kaufen. Gleichzeitig ist die Kleidung aber auch ein wichtiger Teil unserer Identität und Außendarstellung. Bringen wir unserer Kleidung zu wenig Wertschätzung entgegen und kaufen wir lieber neu statt zu reparieren?

Das ist auf jeden Fall so. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Produktionsumfang von Mode mehr als verdoppelt. Leider ist die Qualität im Durchschnitt dabei immer weiter gesunken. Während die meisten Produkte und Dienstleistungen in diesem Zeitraum stetig teurer wurden, wurde Kleidung immer billiger. Dadurch haben wir ein stückweit die Wertschätzung für sie verloren. Kinder lernen in der Schule leider nicht mehr, wie man Dinge repariert, näht oder selbst herstellt. Viele von ihnen denken, dass T-Shirts nur von Maschinen produziert werden. Sie wissen nicht, wie viel menschliche Arbeit und Kreativität dahintersteckt und schätzen ihre Kleidung und die aufgewendeten Ressourcen dementsprechend kaum noch.

Weil die Kleidung so günstig und die Qualität gleichzeitig so schlecht geworden ist, sind für viele Menschen Reparaturen nicht mehr interessant. Gleichzeitig hat uns die Modeindustrie dazu erzogen, ständig neue Sachen kaufen zu wollen. Diese werden irgendwann wieder entsorgt und schnell durch neue Sachen ersetzt. Eine Reparaturkultur ist bei uns gar nicht mehr vorhanden.

2. Dein Start-up Repair Rebels möchte für mehr Nachhaltigkeit im Modesektor sorgen. Für defekte Hosen, Jacken, Schuhe und vieles mehr kann man über die Webseite eine Reparatur buchen, die so einfach sein soll wie Onlineshopping. Wie funktioniert das genau? Und wieso lohnt es sich für Kunden und Handwerker?

Das Ziel von Repair Rebels ist es, die Reparatur von Produkten so einfach und bequem wie den Neukauf zu machen. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit und damit einhergehend auf sozialer Gerechtigkeit und lokalen Reparaturangeboten, um lange Wege zu vermeiden. Die Idee zu Repair Rebels kam aber nicht nur daher, dass der Kauf von Kleidung heutzutage so billig ist, sondern auch so einfach: Die großen E-Commerce-Plattformen liefern die Ware oft schon am nächsten Tag. Die Prozesse der Onlinehändler sind sehr gut optimiert. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir mit einem digitalen Angebot und einem Lieferservice, den wir in Düsseldorf derzeit testen, den Kunden ein vergleichbares Angebot bieten können. Mit Repair Rebels möchten wir eine One Shop Solution anbieten, sprich alles abdecken, was mit der Aufbereitung von Mode zu tun hat – von der Kinderhose bis zur Luxushandtasche.

Die Menschen lassen eher teure Luxusgüter reparieren, aber auch Kleidungsstücke mit emotionalem Wert werden häufig wieder hergerichtet. Ab sofort kann man bei uns auch Schmuck reparieren lassen. Durch Repair Rebels müssen die Kunden sich nicht mehr nach den Öffnungszeiten der Handwerksbetriebe richten, bekommen eine transparente Preisübersicht und können auch online bezahlen. Dieses One-Stop-Shop-Prinzip ermöglicht es den Kunden, Reparaturen ohne große Umstände zu beauftragen. Zudem garantieren wir die gute Qualität der Handwerksbetriebe in unserem Netzwerk. Dadurch möchten wir eine starke Marke kreieren, mit der Menschen sich identifizieren können.

Den Repair Rebels ist aber auch daran gelegen, dass Menschen über das Thema Reparaturen sprechen und stolz darauf sind, wiederhergerichtete Kleidung zu tragen. Daraus könnte im Idealfall eine ganze Community entstehen. Für das Handwerk lohnt es sich auf jeden Fall auch. Eine aktuelle Greenpeace-Studie geht davon aus, dass in Deutschland die Hälfte aller Menschen noch niemals Kleidung oder Schuhe bei einem Handwerksbetrieb hat reparieren lassen. Für Handwerksbetriebe bietet sich somit die Chance, eine ganz neue Zielgruppe zu erschließen. Wir unterstützen dabei mit modernem Marketing und mit unserem digitalen Angebot bieten wir den Kunden erhöhten Komfort.

3. Der Fachkräftemangel ist mittlerweile branchenübergreifend zu spüren. Zusätzlich haben in den vergangenen Jahren durch die Globalisierung und die günstigen Preise für Kleidung viele Spezialisten, wie zum Beispiel Schneider oder Schuster, ihre traditionellen Handwerksbetriebe aufgegeben. Wie wollt ihr diesem Trend entgegenwirken und findet ihr ausreichend Handwerker, die die Reparaturen auch im angemessenen Zeitrahmen übernehmen können?

Es ist tatsächlich so, dass durch die Globalisierung viele Handwerksbetriebe in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern verlorengegangen sind. Umso wichtiger ist es, dass wir über das Thema sprechen. Wir wählen unsere Handwerker sehr sorgfältig aus und testen die Fähigkeiten aller neuen Handwerker in unserem Netzwerk zuerst einmal, wollen sie aber auch fördern. In Zukunft sollen sie durch uns nicht nur mehr Kunden bekommen, sondern auch ihre Prozesse optimieren können. Im Handwerk läuft im Prinzip alles immer noch so wie vor 100 Jahren. Bei einer Reparatur bekommt man meistens noch einen Zettel mit dem Abholdatum in die Hand gedrückt, digitalisiert ist da bisher wenig. Und genau dabei möchten wir die Handwerksbetriebe auch an die Hand nehmen.

Darüber hinaus bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich besser zu vernetzen und voneinander zu lernen. So bekommen sie gemeinsam auch eine stärkere Position gegenüber Herstellern und Lieferanten. Unsere Plattform hilft den Handwerkern dabei, ihre Interessen zu bündeln und geschlossener repräsentiert zu werden.

Wir benötigen aber auch eine stärkere Unterstützung der Politik, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. In Österreich und anderen Ländern gibt es Ansätze bei der Mehrwertsteuer. In Deutschland zahlt man derzeit noch 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Reparaturen. Aus meiner Sicht ist das falsch, denn wir alle profitieren von Reparaturen. Kleine Betriebe, die Dinge reparieren, sollten den ermäßigten Mehrwertsteuersatz zahlen, denn sie sorgen für Müllvermeidung. Dadurch werden die Kommunen bei den Entsorgungskosten entlastet. Wird billige Kleidung schon nach kurzer Zeit wieder weggeworfen, steigt die Umweltverschmutzung und die Kosten dafür tragen alle Bürger.  

4. In Zukunft möchtet ihr auch verstärkt mit großen Modeunternehmen zusammenarbeiten und diese für mehr Nachhaltigkeit gewinnen. Dieselben Unternehmen bringen jedoch auch mehrmals jährlich neue Kollektionen heraus und kreieren neue Trends, die den Konsum befeuern sollen. Wie passt das zusammen und welches Angebot könnt ihr großen Modelabels machen?

Ich glaube, den großen Modeunternehmen ist mittlerweile bewusst, dass Nachhaltigkeit für viele Verbraucher wichtig ist und deren Kaufentscheidung beeinflusst. Die Unternehmen, die stolz auf ihr Produkt und ihr Design sind, zeigen durch Reparaturen ihren Respekt für die eigene Marke. Reparaturen können auch die Kundenbindung erhöhen, wenn Unternehmen an einer langfristigen Beziehung zu ihren Kunden interessiert sind und nicht nur schnell etwas verkaufen möchten. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Firma Patagonia, die lebenslang kostenlose Reparaturen für ihre Produkte anbietet. Und das Unternehmen ist durch dieses Angebot nicht bankrottgegangen, im Gegenteil: Patagonia ist eine der beliebtesten Marken weltweit und auch wirtschaftlich sehr erfolgreich.

Ein weiterer wichtiger Trend, der aktuell auf der ganzen Welt zu beobachten ist, ist die Kreislaufwirtschaft. Für Unternehmen wird es künftig weniger darum gehen, Produkte zu verkaufen, sondern eher einen speziellen Lifestyle. So orientieren sich viele Sektoren von der Produktion zu Dienstleistungen um. In der Modebranche fallen darunter auch die Vermietung oder der Verkauf von Second-Hand-Ware oder eben die Reparatur von Kleidung. Auf EU-Ebene sind bereits Gesetze zur sogenannten Extended Producer Responsibility (dt.: erweiterte Herstellerverantwortung) in Planung. Das bedeutet, dass die Hersteller von Textilien auch für deren Recycling oder Reparatur Sorge tragen müssen. Das erhöht den Druck auf die Modeunternehmen.

Wir sind in Deutschland Pionier auf diesem Markt und bieten Modeunternehmen die Aufnahme in unser Buchungssystem und den Zugang zu unserem Netzwerk von Schneidern an. Außerdem stellen wir unser Know-how zur Verfügung, denn ein Online-Angebot zur Reparatur von Mode existierte vor uns noch gar nicht. Durch die Zusammenarbeit mit uns können Modeunternehmen ihre Retourenquote senken und darüber hinaus die Kundenbindung stärken und das Image ihrer Marken verbessern. Unser Motto lautet: Repaired clothes are loved stronger [dt.: Reparierte Kleidung wird mehr geliebt]!

5. Jüngere Generationen haben oft ein größeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Könnten sie dafür sorgen, dass reparieren cool wird?  Und wie wollt ihr das Bewusstsein dafür schärfen?

Vintage hat insbesondere in den vergangenen drei Jahren unter jüngeren Menschen an Bedeutung gewonnen. Und Vintage- oder Second-Hand-Kleidung braucht oft Änderungen oder Reparaturen. Wir hoffen, dass sich dieser Trend noch weiter verstärkt, denn die Ästhetik reparierter Kleidung wurde in der Vergangenheit schon oft bei Modekollektionen verwendet. Dabei wurden Flicken aufgenäht oder Jeans extra im zerrissenen Stil hergestellt, um einen Used Look zu erhalten. Reparierte Kleidung dagegen bringt den Used Look schon von Natur aus mit und dazu auch noch viele Geschichten und Erinnerungen, wie dieser entstanden ist. Sie sagt aus: „Ich bin stolz, dieses Kleidungsstück seit Jahren zu tragen und es immer wieder reparieren zu lassen“. Dabei erinnere ich mich an das Bild eines Mannes, der zu jeder Reparatur an seiner Jeans auch noch das passende Jahr dazu sticken ließ.   

Wir wissen, dass es noch sehr viel zu tun gibt, damit Reparaturen ein Trend werden. Mit unserem Super Rebel Loyalty Club, einem Club für Mitglieder unseres Netzwerks, möchten wir Menschen dazu motivieren, mehr Dinge reparieren zu lassen und vor allem auch darüber zu sprechen. Das Reparieren von Dingen ist auch eine Lebensphilosophie. Und wenn wir unsere Kleidung reparieren können, können wir alles im Leben reparieren und die Welt ein Stück besser machen.