Nachhaltige und konventionelle Marken werden sich gleichermaßen bewegen müssen, wenn sie für den Markt relevant bleiben wollen
Florian Platzek / Anna-Karina Schmitz / Annika Hagen - 21. Januar 2026
Der Druck auf Unternehmen wächst stetig, nachhaltiger zu wirtschaften. Klimawandel, politische Vorgaben und höhere Erwartungen von Konsumentinnen und Konsumenten haben das Thema Nachhaltigkeit längst in den Fokus gerückt. Doch während die einen Marken als Pioniere gelten, die Nachhaltigkeit seit Jahren fest in ihrem Selbstverständnis verankert haben, sind andere noch dabei, Schritt für Schritt nachzuziehen.
Dabei kann warten ein fataler Fehler sein: Die Marken vieler Konsumgüterhersteller sind an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Nachhaltigkeit ist nicht länger Kür, sondern Pflicht. Schaffen Unternehmen es, ökologische Verantwortung mit Werten zu verbinden, werden sie gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen. Wenn sie allerdings zögern, riskieren sie, an Relevanz zu verlieren – in einer Zukunft, in der Nachhaltigkeit nicht zuletzt durch regulatorische Vorgaben zur neuen Normalität wird.
Pioniere und Nachzügler in der Nachhaltigkeit
Nachhaltige Marken haben sich früh durch ökologische Innovationen profiliert und ziehen eine treue, aber oft kleine Kundschaft an. Sie leben vom Image, Vorreiter in Sachen Umweltbewusstsein zu sein. Ein Beispiel dafür ist Patagonia, ein kalifornischer Anbieter von Outdoor-Bekleidung, der seit Jahrzehnten Nachhaltigkeit in seiner Markenidentität verankert hat. Doch auch solche Marken stehen zunehmend vor der Herausforderung, über ihre Nischen hinaus wachsen zu müssen und größere Marktanteile zu erobern. Konsumentinnen und Konsumenten schätzen zwar Nachhaltigkeit, sind aber nur zum Teil bereit, dafür deutliche Abstriche bei Preis, Leistung oder Komfort zu machen.
Konventionelle Marken hingegen punkten mit Reichweite, Bekanntheit und etablierten Netzwerken. Lange Zeit konnten sie Nachhaltigkeit als Thema behandeln, das lediglich als zusätzliches Verkaufsargument dient. Doch mit verschärften Gesetzen – wie etwa den Maßnahmen des europäischen Green Deals – ist klar: Nachhaltigkeit ist keine freiwillige Option mehr, sondern Pflicht.
Mehr Regulierung gleich mehr Chancengleichheit?
Viele Managerinnen und Manager sehen die neuen Regeln ambivalent: Einerseits schaffen sie Orientierung und verhindern Greenwashing. Andererseits steigt der Aufwand für Berichte, Nachweise und Zertifizierungen. Gerade kleinere Unternehmen fürchten, dass sie davon überfordert werden könnten, während große Konzerne von Skaleneffekten und Lobbyarbeit profitieren könnten.
Gleichzeitig nivelliert Regulierung Unterschiede: Wenn alle nachhaltiger werden müssen, schmilzt der Vorsprung ökologischer Marken. Umso wichtiger wird es, neben dem grünen Versprechen auch weitere Werte wie Qualität, Emotion oder Nutzerfreundlichkeit in den Vordergrund zu stellen und in der Marke zu verankern.
Anspruch und Realität im Konsumentenverhalten
Zwar wächst das Bewusstsein für Klimaschutz und grüne Produktion, doch die Kaufentscheidungen bleiben oft widersprüchlich. Hohe Preise und Inflation verstärken den Trend, dass viele Konsumenten zwar Nachhaltigkeit befürworten, im Alltag aber auf günstigere, weniger nachhaltige Alternativen zurückgreifen. Für Marken bedeutet das: Nachhaltigkeit allein reicht nicht. Sie muss verbunden werden mit greifbarem Nutzen, sei es durch Leistung, Preisstabilität oder Erlebniswert. Ein Beispiel dafür sind Nachfüllstationen im Handel: Erste Tests scheiterten, weil die Akzeptanz bei Kundinnen und Kunden zu gering war. Die Idee war ökologisch sinnvoll, aber praktisch nicht massentauglich.
Vorreiter oder Nachzügler – wer ist im Vorteil?
Für Unternehmen stellt sich die Frage, wann es sich lohnt, als Erster auf nachhaltige Innovationen zu setzen – und wann es besser ist, Entwicklungen abzuwarten und dann großflächig umzusetzen. Wie die Studie zeigt, ergibt sich nicht unbedingt ein echter Vorteil dadurch, einfach mit einer Idee früh auf den Markt zu drängen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt eher in der Fähigkeit, Lösungen erfolgreich in den Massenmarkt einzuführen und zu skalieren.
So wird deutlich: Nachhaltigkeit ist längst nicht mehr nur eine Frage der Überzeugung, sondern ein strategisches Muss für Konsumgüterhersteller. Ob grün oder konventionell – alle Marken müssen sich neu positionieren, um im Markt von morgen noch eine Rolle zu spielen. Nachhaltigkeit sollte dabei nicht nur als Pflicht, sondern auch als Werttreiber verstanden werden.
Tipps für Praktiker
- Integrieren Sie als Markenstrateg:in Nachhaltigkeit als festen Bestandteil des Markenportfolios in Ihrem Unternehmen. Nachhaltigkeit muss mittlerweile Teil der Kernstrategie sein, nicht lediglich ein „Bonus“.
- Nachhaltigkeit sollte mit weiterem Mehrwert kombiniert werden. Dies gelingt besonders gut mit Leistung, Komfort oder emotionalem Nutzen als Zusatz.
- Setzen Sie sich für den Ausbau von Kooperationen ein – von Lieferketten bis hin zur Einführung neuer Technologien. Echte Transformation gelingt nur gemeinsam.
- Verstehen Sie Regulierungen auch als Chance und nicht nur als Bürde. Wer Standards nicht nur erfüllt, sondern aktiv mitgestaltet, kann Vertrauen gewinnen und ist langfristig besser aufgestellt.
Literaturverweis
- Platzek, F./Schmitz, A. K./Hagen, A. (2025): The Role of First-Mover Advantages in Sustainability: Conceptualizing the Sustainability Transformations of Green and Conventional Brands. Business & Society, 00076503251343359.
Autor:innen des Artikels
Dr. Florian Platzek
Florian Platzek arbeitet im Vertrieb bei Procter & Gamble und hat am Henkel Center for Consumer Goods (HCCG) an der WHU - Otto Beisheim School of Management promoviert. Im Rahmen seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Nachhaltigkeitstransformation von Marken und Unternehmen, und den damit verbundenen Dynamiken innerhalb von Markenportfolios, sowie der Rolle von Vorreitern.

Jun.-Prof. Dr. Anna-Karina Schmitz
Anna-Karina Schmitz ist Inhaberin der Juniorprofessur für Marketing sowie Direktorin des Henkel Center for Consumer Goods (HCCG) und des Sustainability Management Centers an der WHU – Otto Beisheim School of Management. In ihrer Forschung untersucht Anna-Karina Schmitz, wie Unternehmen durch strategisches Preismanagement, differenzierte Markenportfoliosteuerung und verhaltensökonomisch fundierte Ansprache von Konsumentinnen und Konsumenten die Wahrnehmung von Wert und Preis beeinflussen und Wettbewerbsvorteile realisieren können.

Annika Hagen
Annika Hagen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Henkel Center for Consumer Goods (HCCG) an der WHU – Otto Beisheim School of Management. In ihrer Forschung untersucht sie nachhaltigen Konsum aus der Perspektive von Konsument:innen und fokussiert sich auf Gestaltungs- und Implementierungsansätze von Nachhaltigkeit im Produkt- und Markenmanagement sowie in der Kommunikation.

