WHU - Startseite | Logo
05.05.2023

Hohes Stresslevel, schlechte Entscheidungen?

Wie sich Stress auf die Qualität von Entschlüssen auswirkt

Maximilian Burkhardt / Felix Nitsch / Stefan Spinler / Luk Van Wassenhove - 05. Mai 2023

Tipps für Praktiker

 

Ernährungskrisen, Ebola-Infektionen, Erdbeben oder militärische Auseinandersetzungen: Hilfsorganisationen kämpfen immer an vorderster Front, um das Leid von Menschen zu lindern und deren Lebenssituation zu verbessern. Dabei sind die Helfer vor Ort selbst ständig Belastungen ausgesetzt und erleiden nicht selten Traumata – durch ein unsicheres Arbeitsumfeld, gewaltsame Angriffe oder gesundheitliche Gefährdungen. Je nach Situation sind sie dabei wechselnden Intensitäten von Stress ausgesetzt. Von ihren Entschlüssen hängen im Zweifelsfall Menschenleben ab, so dass sie auch in Stresssituationen schnell die richtigen Entscheidungen treffen müssen.

Umso wichtiger ist es für Hilfsorganisationen, dass sie ihre knappen Ressourcen und die Logistik im Krisengebiet effizient managen. Ihren Spendern müssen sie über den Einsatz Rechenschaft ablegen, insbesondere aufgrund einer zunehmenden Anzahl von Krisenherden müssen sie immer effizienter mit den verfügbaren Ressourcen umgehen. Wie sich Stress vor diesem Hintergrund auf die Qualität von Entscheidungen auswirkt und welche Lehren daraus für das Management gezogen werden können, haben wir in einem Experiment untersucht.

Welche Auswirkungen hat Stress auf die Qualität von Entscheidungen?

In unserem Experiment mussten verschiedene Gruppen von Freiwilligen unter Stress Entscheidungen treffen und dabei möglichst optimale Resultate bei der Ressourcenverteilung erzielen. Stress bedeutete in diesem Fall, dass die Teilnehmenden mit Zeitdruck, emotional aufgeladenen Bilder oder störenden Geräuschen konfrontiert wurden. Wie das Experiment zeigte, hatte die Geräuschkulisse dabei relativ wenig Einfluss auf die Qualität der Entscheidungen, die Faktoren knappe Zeit und emotionale Bilder erzeugten hingegen deutlich sicht- und messbare Stressreaktionen bei den Teilnehmenden. Je stärker das Stresslevel zunahm, beispielsweise dadurch, dass Entscheidungen in wenigen Sekunden gefällt werden mussten, desto schlechter wurden die Entscheidungen und die fiktiven Ressourcen suboptimal verteilt.

Das Experiment zeigte jedoch auch, dass ein gewisser Stresslevel auch Vorteile haben kann. Moderater Stress durch etwas Zeitdruck führte teilweise sogar zu besseren Entscheidungen. Dieser Effekt verkehrte sich jedoch ins Gegenteil, sobald der Zeitdruck weiter zunahm und sich das Stresslevel erhöhte. In diesem Fall trafen die Teilnehmenden schlechtere Entscheidungen bei der Verteilung von Ressourcen als unter moderatem Stresslevel.

Das Ergebnis war eindeutig: Ein sehr hoher Stresslevel sorgt für suboptimale Entscheidungen – das gilt sowohl für die Teilnehmenden des Experiments als auch für die Ortskräfte von Hilfsorganisationen. Gewöhnen sich Personen jedoch an einzelne Stressfaktoren, nehmen deren negative Konsequenzen mit der Zeit ab. Menschen entwickeln gegenüber speziellen Stressfaktoren (beispielsweise Zeitdruck) eine gewisse Resistenz und ihre bislang suboptimalen Entscheidungen verbessern sich wieder. Generell empfiehlt es sich deshalb für Hilfsorganisationen, ihren Angestellten in Krisengebieten extrem großen Stress zu ersparen, damit sie weiterhin gute Entscheidungen treffen können und ihre Gesundheit nicht gefährdet wird. Denn ein fortwährend hoher Stresslevel kann zu Depressionen, Angstzuständen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen führen.

Welche Lehren ergeben sich daraus für das Management?

Während Stress im Allgemeinen noch nicht problematisch ist, ist jedoch sein Level entscheidend. Für ein gutes Stress-Management in einem Unternehmen oder einer Organisation sollte daher zuerst geklärt werden, welche strukturellen und individuellen Stressfaktoren bei den Mitarbeitenden vorliegen. Um den Mitarbeitenden dauerhaft eine gute Entscheidungsfindung zu ermöglichen, sollten Manager dafür sorgen, dass strukturelle Faktoren im Unternehmen, die für besonders viel Stress sorgen, eliminiert werden.

Ausreichendes Training und eine gute Vorbereitung können im Krisenfall dafür sorgen, dass Mitarbeitende nicht zu sehr in Stress geraten. Das gilt für Hilfsorganisationen ebenso wie für Unternehmen. Werden rechtzeitig passende Übungsmaßnahmen und Simulationen angeboten, können Mitarbeitenden trainieren, in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und die richtigen Entscheidungen zu fällen. 

Tipps für Praktiker

  • Ersparen Sie Ihren Mitarbeitenden ein besonders hohes Stresslevel und merzen Sie strukturelle Stressfaktoren in Ihrem Unternehmen aus. Ansonsten leidet nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden, sondern auch die Qualität ihrer Entscheidungen.
  • Leichter Stress kann sich bei der Entscheidungsfindung sogar positiv auswirken. Achten Sie darauf, dass der Stress für Ihre Angestellten in einem moderaten Rahmen bleibt.
  • Eine gute Vorbereitung kann Ihre Angestellten für besonders stressige Aufgaben wappnen. Bieten Sie frühzeitig Trainings an, um Stress bei Angestellten im Ernstfall zu minimieren. Virtual-Reality-Simulationen können dabei eine kostengünstige Unterstützung sein.

Literaturverweis und Methodik

An dem Experiment nahmen 154 Bachelor- und Master-Studierende teil. Die Personen wurden zufällig einer von vier Gruppen zugeteilt, die Entscheidungen unter unterschiedlich hoher Stressbelastung fällen mussten. Dabei wurde der Stresslevel anhand physiologischer Daten und eigener Berichte der Probanden gemessen.

- Burkhardt, M./Nitsch F. J./Spinler, S./van Wassenhove, L. (2023): The effect of acute stress on humanitarian supplies management, in: Production and Operations Management, März 2023. DOI: 10.1111/poms.13993

Co-Autoren der Studie

Dr. Maximilian Burkhardt

Maximilian Burkhardt ist Director Supply Chain bei Lekkerland SE, REWE Gruppe. Er erwarb seinen Doktortitel (summa cum laude) an der WHU – Otto Beisheim School of Management am Lehrstuhl für Logistikmanagement von Prof. Dr. Stefan Spinler. Im Rahmen seines Dissertationsprojektes forschte er zu den Auswirkungen von Stress auf Entscheidungsfindung, insbesondere im humanitären Kontext. Ein weiteres Projekt beinhaltete die Optimierung der Lagerhaltung von Nahrungsmitteln für Schulspeisungen in Bhutan, welches in Kooperation mit dem UN-Welternährungsprogramm und Help Logistics durchgeführt wurde. Vor seiner Tätigkeit bei Lekkerland war er mehrere Jahre als Berater bei McKinsey & Co. tätig.

Dr. Felix Nitsch

Felix Jan Nitsch ist Postdoktorand im Bereich Marketing an der INSEAD Business School, wo er Verbraucherverhalten unter Stress untersucht. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der transformativen Verbraucherforschung: Wie wirken sich Stress und psychisches Wohlbefinden auf das Konsumverhalten aus (z. B. Ernährungsentscheidungen oder Statussuche), und was sind nützliche Interventionen und Anregungen, um Verbraucher bei ihren Entscheidungen zu unterstützen? Zu diesem Zweck verwendet er verhaltensbiologische und psychobiologische Methoden und integriert Erkenntnisse aus Marketing, Psychologie und Neurowissenschaften. Bevor er ans INSEAD kam, promovierte er in experimenteller Psychologie mit höchster Auszeichnung (summa cum laude) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland.

Prof. Dr. Stefan Spinler

Stefan Spinler ist Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Seine Forschung konzentriert sich vorwiegend auf die Bereiche Nachhaltigkeit von Lieferketten und deren Risikomanagement. Alle Forschungsaktivitäten werden zusammen mit führenden Logistikdienstleistern und Industrieunternehmen durchgeführt. Professor Spinler war bereits als Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der University of Pennsylvania, The Wharton School, tätig.

Prof. Dr. Luk Van Wassenhove

Luk Van Wassenhove konzentriert sich in seiner Forschung derzeit auf die Ausrichtung von Geschäftsmodellen und neuen Technologien auf die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, z. B. geschlossene Lieferketten, Kreislaufwirtschaft sowie Katastrophen- und Gesundheitslogistik. Professor Van Wassenhove ist Mitglied der Production and Operations Management Society (POMS 2005). Im Jahr 2006 erhielt er die Goldmedaille der EURO. Er ist Distinguished Fellow der Manufacturing and Services Operations Management Society (MSOM 2009) und Honorary Fellow der European Operations Management Association (EUROMA 2013). Im Jahr 2018 wurde er zum Mitglied von INFORMS gewählt und erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Thessaloniki. An der Wirtschaftshochschule INSEAD hat Professor Van Wassenhove als Emeritus den Henry Ford Chair in Manufacturing inne. Derzeit leitet er die INSEAD-Forschungsgruppe für humanitäre Angelegenheiten und die Initiative für nachhaltiges Wirtschaften.

WHU - Startseite | Logo