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26.07.2021

Keine Zuschauer bei den Olympischen Spielen in Tokio

Leiden die Medaillenchancen des gastgebenden Landes darunter?

Dominik Schreyer- 26. Juli 2021

Aber die OlympischenSpiele sind in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Für zahlreiche Athleten ist das Erreichen der alle vier Jahre stattfindenden Spiele die Krönung ihrer sportlichen Laufbahn. Dementsprechend war die Enttäuschung für sie vermeintlich groß, als zunächst internationale und dann auch einheimische Besucher von den Wettkämpfen ausgeschlossen wurden.

Jetzt werden Athleten in Tokio also in weitgehend leeren Sportstätten miteinander konkurrieren. Die japanische Olympiamannschaft, die lange davon geträumt haben dürfte, dort vor den eigenen Fans anzutreten, wird dies vermutlich am stärksten spüren. Dies wirft die Frage auf, ob und wenn ja, wie sich die leeren Arenen auf einen vermeintlichen Heimvorteil des Gastgeberlandes auswirken werden?

Ein enthusiastisches, den Sportler motivierendes Heimpublikum ist einer von vier maßgeblichen Faktoren, auf die der Heimvorteil im Profisport üblicherweise zurückgeführt wird. Hinzu kommt, dass die Athleten des Ausrichterlandes oft nicht oder deutlich weniger reisen müssen, dass sie sich bereits eher mit den Bedingungen vor Ort vertraut machen können – und dass Schiedsrichter, durch das heimische Publikum unter Druck gesetzt, für sie oft vorteilhaftere Entscheidungen fällen.

Die Gastgeber der vergangenen drei Olympischen Sommerspiele – Rio (2016), London (2012) und Peking (2008) – schnitten zu Hause so jeweils ungewöhnlich gut ab. Sowohl bei den Herren als auch bei den Damen waren die Ausrichternationen – gemessen an der Anzahl der insgesamt errungenen Medaillen, sowie der im Rahmen der Wettkämpfe erzielten Finalteilnahmen – relativ erfolgreicher als bei den Spielen zuvor, die jeweils in anderen Ländern stattgefunden hatten. Betrachtet man beispielsweise einmal nur die Anzahl der insgesamt gewonnenen Goldmedaillen, so nahm diese bei Brasilien zwischen 2012 und 2016 von drei auf sieben zu, bei Großbritannien zwischen 2008 und 2012 von 19 auf 29, und bei China zwischen 2004 und 2008 sogar von 32 auf 48.

In einer neuen Studie haben wir nun versucht, die Effektstärke des Heimvorteils einmal über die gesamte Historie der Olympischen Spiele der Neuzeit, das heißt, von 1896 bis 2016, hinweg zu quantifizieren. Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Untersuchungen haben wir dabei sowohl Sommer- als auch Winterolympiaden untersucht und zudem auch berücksichtigt, dass die einzelnen Sportarten teilweise unter doch sehr unterschiedlichen Bedingungen ausgetragen werden: Zum Beispiel mit oder ohne Schiedsrichter, innerhalb oder außerhalb einer Wettkampfstätte, oder aber auch mit sehr vielen oder mit sehr wenigen Zuschauern.

Heimvorteil im Rahmen der Olympischen Spiele der Neuzeit

Um uns dem Thema schrittweise anzunähern, haben wir uns zunächst den relativen Anteil aller verfügbaren Goldmedaillen angesehen, den die jeweilige Gastgebernationen bei den Sommer- und Winterspielen zwischen 1896 und 2016 erringen konnten – und dies sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen.

Interessant ist dabei zunächst, dass die Gastgeber in den Anfangsjahren einen erheblichen Heimvorteil hatten. Bei den Olympischen Sommerspielen 1932 in Los Angeles zum Beispiel gewann das US-Team 28 Prozent aller Goldmedaillen bei den Männern und sogar 70 Prozent bei den Frauen. Dieser Vorteil nahm im Laufe der Zeit jedoch ab, weil die Vielfalt der teilnehmenden Länder und Athleten sukzessive zunahm und so die Konkurrenz stetig stieg. So waren 2016 in Rio bereits 207 Länder vor Ort vertreten, 1932 dagegen nur 37.

Mehrere Studien haben in der Vergangenheit bereits untersucht, wie sich die Ausrichtung der Olympischen Spiele auf den sportlichen Erfolg der heimischen Athleten auswirkt. In der Regel zeigt sich dabei, dass ein signifikanter Heimvorteil existiert, auch wenn es teilweise deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sportarten sowie auch zwischen den Geschlechtern gibt.

Im Rahmen einer tiefergehenden statistischen Analyse beobachten wir so zum Beispiel, dass die Gastgeber der Olympischen Sommerspiele im Durchschnitt einen um etwa zwei Prozentpunkte höheren relativen Anteil am sportlichen Erfolg erwarten können. Dies gilt in dieser Form sowohl bei den Herren als auch bei den Damen und über alle Disziplinen hinweg. Lässt man nun einmal Finalisten und Bronzemedaillengewinner außen vor, bedeutet dies übersetzt in etwa, dass Japan in Tokio vermutlich jede siebte Silbermedaille in eine goldene verwandeln werden kann – und dies nur deshalb, weil das Team zu Hause antritt.

Wir beobachten zudem, dass der Effekt des Heimvorteils bei den Winterspielen im Zeitraum seit 1988 um etwa 50 Prozent größer war als bei den Sommerspielen im selben Zeitraum. Allerdings gilt dies nur für die Herren, denn für die Damen beobachten im Rahmen der Winterspiele keinen signifikanten Heimvorteil.

Interessant ist zudem, dass auch wenn Großbritannien 2016 weniger Goldmedaillen gewinnen konnte als noch im Rahmen der Heimolympiade 2012, die Anzahl aller errungenen Medaillen dennoch von 67 auf 69 stieg. Generell gilt, dass ein solcher sog. Spill-over-Effekt im Vorfeld (und Nachgang) der Ausrichtung von Sommerspielen relativ häufig auftritt. Im Rahmen von Winterspielen beobachten wir einen solchen Effekt hingegen nicht.

Leere Stadien in Tokio

Im Rahmen der aktuellen Pandemie haben Sportökonomen und Psychologen bereits ausgiebig untersuchen können, wie sich die Abwesenheit von Fans auf die Leistungsfähigkeit von Sportlern auswirkt. Besonders viel Aufmerksamkeit hat dabei der Fußball erfahren. Die meisten Studien kommen dabei zu dem Schluss, dass der Heimvorteil im Rahmen von Geisterspielen nur leicht zurückgeht.

Dies ist dann zumindest zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass die Schiedsrichter ihre Entscheidungen in diesem Szenario ohne den sonst allgegenwärtigen Druck durch das Heimpublikum treffen konnten. Ähnliche Effekte wurden übrigens auch im Rugby beobachtet.

Mit Blick auf die Erfolgsaussichten Japans in Tokio gilt es nun aber zunächst zu berücksichtigen, dass auch in der Vergangenheit nicht alle Wettkämpfe vor einem parteiischen Publikum stattfanden. So kommen frühere Studien zu dem Ergebnis, dass ein Heimvorteil nur im Rahmen jener Sportarten eine wesentliche Rolle spielt, in denen Schiedsrichter mit ihren Entscheidungen tatsächlich das Ergebnis beeinflussen können (wie z.B. im Turnen). Im Gegensatz dazu lässt sich in Sportarten wie zum Beispiel in der Leichtathletik oder im Schwimmen, wo zwar viele Zuschauer gegenwärtig sind, Offizielle aber keinen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis nehmen können, eher selten ein Heimvorteil beobachten. Hinzu kommt, dass Zuschauer im Rahmen der Olympischen Spiele oft diverser und weniger parteiisch sind als beispielsweise im Rahmen eines Bundesliga- oder Premier League-Spiels.

Japans Athleten haben zudem auch ohne Fans in den Stadien weiterhin den Vorteil, dass sie bereits im Vorfeld der Spiele erste Erfahrungen mit den Bedingungen vor Ort gemacht haben (zum Beispiel mit Blick auf das Klima, die spezifischen Abläufe, oder die Gegebenheiten innerhalb der Austragungsorte). Allerdings könnten diese vermeintlichen Vorteile durch die Absage der olympischen Testwettkämpfe und die im Vergleich zu anderen Jahren eher außergewöhnlichen COVID-Maßnahmen in diesem Jahr natürlich etwas weniger ausschlaggebend sein.

Die internationalen Athleten mussten unterdessen zunächst die oft lange Anreise nach Tokio auf sich nehmen. Und alle Teilnehmer, die nicht in Japan leben, müssen sich bei Ankunft in ihrer Unterkunft für mindestens drei Tage in Quarantäne begeben.

Wir denken deshalb, dass es zumindest sehr wahrscheinlich ist, dass Japan als Gastgebernation in diesem Jahr auch trotz fehlender Zuschauer zumindest sportlich vergleichsweise gut abschneiden kann.

Tatsächlich ist der sportliche Erfolg für den Ausrichter auch von enormer Wichtigkeit. Denn während der vermeintliche wirtschaftliche Gewinn, auch durch die beständig steigenden Kosten, tendenziell eher gering ist, zeigen viele empirische Studien, dass das Land durch die Zunahme des sportlichen Erfolgs zumindest auf andere Art und Weise profitieren kann. Zum Beispiel von einer signifikanten Zunahme der sportlichen Aktivität der Bürger im Nachgang der Olympischen Spiele oder aber von einer signifikanten Zunahme von Glücklichkeit, Nationalstolz und Wohlbefinden unter den Bürgern.

Der Originalartikel erschien in The Conversation.

Literaturverweis und Methodik

Co-Autor der Studie

Jun.-Prof. Dr. Dominik Schreyer

Dr. Dominik Schreyer ist Direktor des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU und untersucht dort verhaltensökonomische Fragestellungen im Sport. Selbst mit eher mäßigem sportlichem Talent ausgestattet, studierte er Politik, Kommunikationswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Düsseldorf und Auckland, sowie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Im Jahr 2014 promovierte er an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. Derzeit beschäftigt er sich intensiv mit Fragestellungen zur Stadionökonomie, insb. dem No-Show-Verhalten von Ticketinhabern.

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