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06.04.2021

FC Bayern München: Der Flick-Faktor

Warum Sie Ihrem Team ruhig einen Vertrauensvorschuss gewähren sollten

Sascha L. Schmidt / Sebastian Flegr - 06. April 2021

Tipps für Praktiker

 

Die unglaubliche Saison 2019/2020 des FCBayern ging mit der FIFA Klub-Weltmeisterschaft im Februar in Doha in die Verlängerung. Nach fünf Titeln innerhalb von sechs Monaten setzte sich die Erfolgsgeschichte der Münchner auch im neuen Jahr fort. Zum Abschluss der mit Rekorden, Bestmarken und Titeln gespickten Saison krönte sich die Mannschaft um Weltfußballer Robert Lewandowski und Welttorhüter Manuel Neuer zum zweiten Mal nach 2013 mit der WM-Krone im Klubfußball. 

Blickt man auf die historische Rekord-Saison des deutschen Rekordmeisters zurück erscheint dies fast schon surreal. Als Hans-Dieter "Hansi" Flick den miserabel in die Saison gestarteten FC Bayern nach der bitteren 1:5-Niederlage in Frankfurt am zehnten Spieltag als Cheftrainer übernahm, hatte dieser genau das verloren, wofür er nun steht wie kein anderer deutscher Fußballclub: Erfolg.

Zusammen mit Boris Groysberg von der Harvard Business School haben wir das Verhalten von Trainern der Fußball-Bundesliga im Laufe der Saison 2019/20 untersucht, die während einer laufenden Saison als Krisenmanager eingesetzt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht immer große Veränderungen notwendig sind, um den Erfolg zurück zu bringen. Die historische Titelserie des FC Bayern München unter Hansi Flick veranschaulicht diese Lektion eindrucksvoll.

Die ausgelassenen Veränderungen

Was nach dem zehnten Spieltag folgte, war eine wundersame Wende. Im August 2020, nur 295 Tage nachdem Flick das Ruder übernommen hatte, erklimmen die Münchner den Fußball-Olymp und erreichen zum zweiten Mal das ruhmreiche Triple. Ein halbes Jahr und zwei Titel später hat der FC Bayern München mit der FIFA Klub-WM erstmals alle sechs möglichen Titel im Klubfußball gewonnen und das historische „Sextuple“ nach München geholt.

Was ist das Geheimnis hinter Hansi Flick? Trotz des enormen öffentlichen Drucks, die Leistung des Teams sofort zu verbessern, setzte Flick auf Kontinuität. So verzichtete er bewusst auf die üblichen Umbauten, die neu eingesetzte Bundesliga-Trainer zur Bewältigung einer Krisensituation vornehmen.

Bei seinem Antritt in München nahm Hansi Flick kaum personelle Änderungen im Trainerstab oder in der Mannschaft vor. Während die im Laufe der Saison 2019/20 neu berufenen Bundesliga-Trainer durchschnittlich mit 2,7 Änderungen rund die Hälfte des Trainerstabs durch neue Kräfte ersetzten, besetze Flick nur die offene Position des Co-Trainers mit dem langjährigen Bayern Assistenten Hermann Gerland. Ebenso verzichte Flick auf die bei anderen Trainern übliche Rochade der zuvor eingesetzten Spieler. Die Kern-Mannschaft, bestehend aus der Startelf und den drei Einwechselspielern, veränderte Flick auf nur drei Positionen. Die untersuchten Bundesliga-Trainer hingegen nahmen, verglichen mit dem jeweiligen Vorgänger, rund 65 Prozent mehr Änderungen an der Kern-Mannschaft vor.

Ebenso veränderten mehr als 70 Prozent der Turnaround-Trainer die taktische Grundausrichtung und Aufstellung ihrer krisengeschüttelten Mannschaft, um sie zurück in die Erfolgsspur zu führen. Flick dagegen verzichtete bei der seiner Aufholjagd in der Bundesliga und dem anschließenden Triumphzug in der Champions League weitgehend auf Änderungen in der Mannschaftsaufstellung. Wie sein Vorgänger vertraute er auf die etablierte 4-5-1 Formation mit viel Tempo auf den Flügeln, um Tore für Stürmerstar Lewandowski vorzubereiten. Die taktische Ausrichtung passte Flick in weniger als 10 Prozent der Fälle im Vergleich zum vorherigen Spiel an. Die Vergleichsgruppe von Trainern nahm hingegen in mehr als jedem dritten Spiel eine Anpassung der taktischen Formation vor.

Vertrauensvorschuss geben

Schließlich verändern neue Trainer häufig das Mannschaftsgefüge. Sie tauschen insbesondere etablierte Spieler aus, die im Zusammenhang mit dem Misserfolg stehen. Nicht überraschend reduziert sich die durchschnittliche Vereinszugehörigkeitsdauer der eingesetzten Spieler bei den analysierten Turnaround-Trainern um ca. 10 Prozent. Flick dagegen vertraute auf die erfahrenen Spieler mit ausgeprägter Kenntnis der Abläufe im und starker Identifikation mit dem Verein, um die Mannschaft zu führen. Mit Thomas Müller und David Alaba setzte Flick auf zwei sich in Formkrisen befindenden Bayern-Legenden, obwohl sie sinnbildlich die Ergebniskrise unter Niko Kovač verkörperten. Damit erhöhte Flick die durchschnittliche Vereinszugehörigkeitsdauer seines Teams um 20 Prozent auf 5,3 Jahre.

Nicht jeder kann sich als Krisenmanager in der Bundesliga beweisen, doch die turbulenten Zeiten wie wir sie dieser Tage erleben setzen die Notwendigkeit von Turnarounds zunehmend auf die Tagesordnung. Was Turnaround-Manager, egal in welcher Branche sie tätig sind, von Hansi Flick lernen können, ist die Erkenntnis, dass auch erfolgreiche Kehrtwenden durch wenige gezielte Veränderungen gelingen können.

Die Erfolgsgeschichte des FC Bayern München unter Hansi Flick zeigt eindrucksvoll, dass in einer Krisensituation nicht zwangsläufig alles in Frage gestellt werden muss. Vielmehr sollte eine Atmosphäre des Vertrauens und der Zuversicht erzeugt werden. Dazu gehört sicher auch der Mut, dem bestehenden Team unabhängig von den vorausgegangenen Ereignissen einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Tipps für Praktiker

  • Haben Sie als neue Führungskraft den Mut, dem Team unabhängig von der schwierigen Situation einen Vertrauensvorschuss zu geben.
  • Betrachten Sie Führung als Teamarbeit und gemeinsame Verantwortung.
  • Gehen Sie bewusst auf die Bedürfnisse der einzelnen Teammitglieder ein, um Offenheit und Dialog anstelle von Verbitterung und Schuldzuweisungen zu etablieren.
  • Vertrauen Sie als neue Führungskraft in die Erfahrung langjähriger Teammitglieder, anstatt sie im Zuge des eingeleiteten Wandels zu ersetzen.
  • Führung heißt Initiative ergreifen und als inspirierendes Vorbild vorangehen. Fragen Sie sich als Führungskraft deshalb täglich: „Was kann ich für das Team tun?“

Literaturverweise

Co-Autoren

Prof. Dr. Sascha L. Schmidt

Sascha L. Schmidt ist Leiter des Center for Sports and Management und Professor for Sports und Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Zudem ist akademischer Direktor der SPOAC - Sports Business Academy by WHU. Zusätzlich ist er Mitglied der Digital Initiative an der Harvard Business School (HBS), affiliert mit dem Labor für Innovation Science in Harvard (LISH) und Forscher an der Emlyon Business School Asia. Sascha Schmidt ist Co-Autor verschiedener sportbezogener HBS Fallstudien und einer der Initiatoren und einer der leitenden Dozenten des MIT Sports Entrepreneurship Bootcamp. Seine Forschung fokussiert sich auf Wachstums- und Diversifikations-Strategien sowie die Vorbereitung des Profisports auf zukünftige Entwicklungen

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Sebastian Flegr

Sebastian Flegr ist Doktorand am Center for Sports and Management (CSM) der WHU – Otto Beisheim School of Management. Dort forscht er zu Konsummotiven und den Präferenzen jüngerer Generationen, insbesondere im Bereich eSports. Vor Beginn seiner Promotion arbeitete er als Berater bei McKinsey & Company für verschiedene Industriezweige. Seine Projekte befassten sich größtenteils mit der Digitalisierung, fortgeschrittener Analytik und der Zukunft des Arbeitens.

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