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24.01.2022

Warum sind die Impfquoten innerhalb Deutschlands so unterschiedlich?

Fünf Faktoren und regionale Unterschiede sorgen für große Differenzen

Maximilian Ambros / Michael Frenkel - 24. Januar 2022

Tipps für Praktiker

Die COVID-19-Pandemie ist eine der tödlichsten Pandemien, die je dokumentiert wurden. Seit fast zwei Jahren hat sie unser Leben fest im Griff. Auf der ganzen Welt sind Länder mit einer Infektionswelle nach der anderen konfrontiert. Erfreulicherweise haben beispiellose Anstrengungen der Pharmaindustrie in Windeseile zur Entwicklung von Impfstoffen geführt. Diese sind seit Ende 2020 verfügbar, und zumindest die Industrieländer werden seit der zweiten Hälfte des Jahres 2021 ausreichend damit versorgt. Doch weltweit haben Regierungen weiterhin nicht nur mit dem Virus und seinen Varianten zu kämpfen, sondern auch mit zu geringen Impfraten. Diese sind nach nicht ausreichend, um eine Herdenimmunität erreichen zu können.

In Deutschland hat sich der Fortschritt der Impfkampagne nach einem steilen Anstieg der Impfquote von 0 auf 65 Prozent bis zum August 2021 mittlerweile verlangsamt. Innerhalb Deutschlands gibt es weiterhin große Unterschiede beim Impftempo zwischen den einzelnen Bundesländern und Landkreisen. So haben zum Beispiel erst 63,5 Prozent aller Sachsen bis zum 6. Januar 2022 mindestens eine Impfdosis erhalten, während im Vergleich bereits 87,7 Prozent der Bremer Bevölkerung geimpft sind. Die Faktoren, die diese beträchtlichen Unterschiede der Impfquoten zwischen Landkreisen und Bundesländern erklären, sind vielfältig.

Wie kommen die deutlichen Unterschiede bei der Impfquote innerhalb Deutschlands zustande?

Bislang erhobene Daten auf Basis von Umfragen weisen in die Richtung, dass Impfentscheidungen maßgeblich vom jeweiligen Einkommen und der Bevölkerungsdichte abhingen. Solche Umfragedaten sind jedoch oft verzerrt, da Impfgegner darin möglicherweise ihre wahre Meinung nicht preisgeben. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff soziale Erwünschtheit (social desirability) bekannt. Befragte geben ihre wahren Ansichten nicht preis, da sie davon ausgehen, dass diese nicht auf gesellschaftliche Zustimmung treffen würden.

Die Forscher der WHU haben daher nicht mit Umfragedaten, sondern mit einem neuen Datensatz gearbeitet, der die tatsächlichen Impfungen in deutschen Landkreisen abbildet. Untersucht wurde auf Kreisebene zusätzlich, welchen Einfluss die COVID-19-Sterberate, der Ärztedichte, der Bevölkerungsdichte und der Bevölkerungsanteil von über 65-Jährigen und Ausländern auf die Rate der Erstimpfungen haben. Es zeigte sich, dass sich die jeweilige Impfquote besonders gut anhand folgender fünf Faktoren erklären lässt:

  1. Kreise, die stark von COVID-19 betroffen sind oder waren, weisen höhere Impfquoten auf.
  2. Eine höhere Ärztedichte führt auch zu einer höheren Impfquote.
  3. Ebenso führt eine höhere Bevölkerungsdichte zu einer höheren Impfquote. Daran lässt sich ein "Städteeffekt" ablesen.
  4. Je höher das Durchschnittsalter der Bevölkerung in einem Kreis ist, desto höher ist auch die Impfquote.
  5. Der Standort spielt eine wichtige Rolle. Die neuen Bundesländer haben deutlich niedrigere Impfquoten als die alten. Gewichtige Gründe für die Differenzen bei den Impfquoten finden sich demnach auch auf Landesebene. So gibt es beispielsweise eine deutliche Diskrepanz zwischen Sachsen und Bremen.

Aus diesen Ergebnissen lassen sich für politische Entscheidungsträger Handlungsempfehlungen ableiten, um der Impfkampagne wieder mehr Schwung zu verleihen und sie wirkungsvoller voranzutreiben.

Tipps für Praktiker

  • Richten Sie als politischer Entscheidungsträger Ihre Bemühungen bei der Impfkampagne vor allem auf Regionen in Ostdeutschland, die eine verhältnismäßig geringe Impfquote aufweisen.
  • Konzentrieren Sie sich bei Impfkampagnen auf Regionen mit geringer Ärztedichte und machen Sie niederschwellige Impfangebote wie beispielsweise über Impfbusse.
  • Die bisherigen Impfangebote haben insbesondere ältere Bevölkerungsgruppen angesprochen. Machen Sie das Thema Corona-Impfung auch für junge Leute relevant.

Literaturverweis und Methodik

Für die Studie „What Determines COVID-19 Vaccination Rates in Germany?” wurden Daten in mehr als 300 deutschen Landkreisen erhoben. Neben der örtlichen Impfquote wurde auch die Ärztedichte, Bevölkerungsdichte, COVID-19-Sterberate und der Anteil der über 65-Jährigen und Ausländer an der Bevölkerung erhoben.   

  • Ambros, M./Frenkel, M. (2022): The Determinants of COVID-19 Vaccination Rates in Germany, in: Journal of Economics and Statistics (JBNST), zur Publikation angenommen.

Autoren der Studie

Maximilian Ambros

Maximilian Ambros ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Seine Forschung konzentriert sich auf die internationalen Entwicklungen makroökonomischer Variablen, wie z. B. Zinssätze. Er wendet bei seiner Forschung eine breite Palette ökonometrischer Instrumente auf reale Daten an. Maximilian Ambros hat einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften von der Freien Universität Berlin und einen Master in Wirtschaftswissenschaften von der Universität St. Gallen. Vor seinem Start an der WHU – Otto Beisheim School of Management arbeitete er in der Technologieberatung und war Mitbegründer eines Unternehmens in Singapur.

Prof. Dr. Michael Frenkel

Michael Frenkel ist Prorektor für Internationale Beziehungen und Professor für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Er ist außerdem Direktor des Center for EUropean Studies (CEUS) an der WHU. Seine umfangreichen internationalen Erfahrungen sammelte er bei seiner mehrjährigen Tätigkeit für den Internationalen Währungsfonds und bei Aufenthalten als Gastprofessor, die er neben zahlreichen weiteren an der Harvard University absolvierte. Professor Frenkel war als Berater für den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und die Europäische Kommission tätig. Viele Jahre lang war er im Auswärtigen Amt für die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung junger deutscher Diplomaten zuständig. Professor Frenkel hat mehr als 100 Publikationen in den Bereichen Makroökonomik und internationale Finanzen veröffentlicht und ist Mitglied des Redaktionsbeirats des Global Finance Journal, des International Journal of Business, des Journal of Economics and Statistics und des Journal of Markets and Ethics.

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