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30.06.2021

Was Manager vom englischen Nationaltrainer Gareth Southgate lernen können

Der unglückliche Elfmeterschütze von 1996 macht vor, was man mit richtiger Fehlerkultur erreichen kann

Miriam Müthel- 30. Juni 2021

Der 26. Juni 1996 war der wichtigste Tag in seiner Karriere – und der schlimmste Tag in der Geschichte des englischen Fußballs. Es ist Fußball-Europameisterschaft in England. Überall im Radio hört man „It’s coming home“, den Song der EM 1996, der die ungebrochene Hoffnung der Engländer zum Ausdruck bringt, der Fußballgott möge sich nun endlich wieder ihrem Land zuwenden. „30 Jahre Schmerz – und ich habe nie aufgehört zu träumen…“ singen die Lightning Seeds. Wer hätte wissen können, dass dieser Schmerz noch weitere 22 Jahre andauern würde?

Die größtmögliche Niederlage

Nach einem herausragenden Spiel von Verteidiger Gareth Southgate im Halbfinale gegen Deutschland, das nach Verlängerung beim Stand von 1:1 in das Elfmeter-Schießen ging, fragte der Trainer Southgate unvermittelt, ob er bereit sei, für sein Land anzutreten. Southgate wollte sich nicht vor der Verantwortung drücken und sagte zu. Was er nicht erwähnte, war, dass er in seiner gesamten Karriere zuvor erst einen einzigen Elfmeter geschossen und diesen daneben gesetzt hatte. Elfmeter-Schießen hatte er noch nie geübt. Southgate war der sechste englische Schütze. Alle anderen vor ihm – Engländer und Deutsche – hatten ihre Elfmeter zielsicher im gegnerischen Tor versenkt. Als Southgate mit dem Ball auf das Tor von Andreas Köpke, dem deutschen Torwart, zugeht, hat er das Gefühl, dass der Deutsche seine Gedanken lesen kann? Weiß Köpke, wohin er schießen wird? Southgate hört die über 75.000 England-Fans im Wembley Stadion. Sie verlangen das Finale im eigenen Land. Sind das da Buhrufe? Merken die Fans etwa, dass er ein Fliegengewicht ist und dass er hierfür nicht der richtige Mann ist? Im Nachhinein werden es diese Sekunden vor dem Schuss sein, die Southgate seinen Schlaf rauben.

Staatsfeind Nummer eins

Am Ende geht alles ganz schnell. Andreas Köpke muss sich noch nicht einmal strecken, um den Ball zu halten – Southgate befördert ihn direkt in seine Arme. Deutschland gewinnt das Halbfinale und wird später Europameister.

Für ganz England, aber vor allem für Southgate selbst bricht eine Welt zusammen. Sogar seine Mutter fragt ihn: „Junge, wieso hast Du ihn nicht einfach reingehauen?“, wie sie kurz danach den Medien anvertraut. Southgate, der seinen Schuss selbst als „armselig“ bezeichnet, weiß, dass er das ganze Land enttäuscht hat. Er erhält Hassbriefe. Hooligans, die nach dem Spiel randaliert haben, machen ihn für ihren Frust vor Gericht verantwortlich. Southgate lässt sich von Pizza Hut überreden, einen Werbefilm zu drehen, in dem er aus Scham über seinen Fehlschuss beim Pizzaessen eine Tüte über den Kopf trägt. Es war mutig – eine Flucht nach vorne gepaart mit britischer Selbstironie. Aber er wird für immer der bleiben, der nicht für England getroffen hat, als es drauf ankam. Die Last wiegt schwer, auch nach Jahren. Noch 20 Jahre später wird er den Raum verlassen, wenn er „It’s coming home …“ im Radio hört.

Das Happy End

Es ist der 3. Juli 2018. England steht gegen Kolumbien im Achtelfinale der Weltmeisterschaft in Russland. Die internationale Presse weiß schon vor dem Spiel, dass England, wenn es zum Elfmeter-Schießen kommen sollte, verlieren wird. Weil England immer verliert, wenn es um Elfmeter geht. Doch das Unmögliche geschieht: England gewinnt 4:3. Und der Held der Stunde heißt: Gareth Southgate. Wie konnte es dazu kommen?

Gareth Southgate hat sein persönliches Trauma nie überwunden. „Was sollte ich schon tun, um das wieder gut zu machen?“ sagte er. Aber eines konnte er tun. Er konnte dafür sorgen, dass sich nie wieder ein Spieler so mies fühlen würde, wie er selbst. Als Trainer der englischen Nationalmannschaft (nachdem sich niemand fand, der das Team nach einer langen Reihe von Misserfolgen und Problemen anführen wollte) überließ er nichts dem Zufall. Nie wieder sollte sich ein englisches Team einem Elfmeter-Schießen ausgeliefert fühlen. Southgate analysierte, wie genau seine Spieler auf den besonderen psychischen Druck dieser Situation reagieren. Insbesondere beschäftigte er sich mit den Sekunden vor dem Schuss. Beim Elfmeter-Schießen stehen die Spieler zuvor an der Mittellinie, sie müssen dann bis zum Elfmeter-Punkt ungefähr 40 Meter hinter sich legen, bevor sie tatsächlich schießen. Viel Zeit, um sich zu fragen, ob man treffen wird, ob jemand anders die bessere Wahl gewesen wäre und wie sehr einen die Fans hassen werden, wenn der Schuss nicht rein geht. Southgate entwickelte, gemeinsam mit einem Psychologen verschiedene Methoden, die den jeweiligen Spielern dabei helfen, sich während dieser 40 Meter auf sich selbst zu fokussieren und die Zuschauer auszublenden. Zudem wählte er die Schützen vor dem Spiel entsprechend ihrer Stress-Resilienz, nicht nur nach ihren technischen Fähigkeiten aus. Und er ließ das Team über Monate hinweg mehr Elfmeter-Schüsse üben als jemals ein Trainer vor ihm.

England gewann das Elfmeter-Schießen im Achtelfinale, schied dann jedoch im Viertelfinale der WM 2018 aus, aber der Bann war gebrochen. Das Elfmeter-Schießen wurde als achtes Weltwunder von der englischen Presse gefeiert und Southgate zum Helden der Nation. „From Zero to Hero“ heißt nur eines der Bücher, die zwischenzeitig über ihn veröffentlicht wurden. 2019 wurde Southgate von Prinz Charles zum Ritter geschlagen. Und Pizza Hut versprach, ihm Zeit seines Lebens kostenfrei Pizza nach Hause zu liefern.

Keine Angst vor der Angst

Scheitern kann also schön werden – wenn man später Erfolg hat. Zunächst ist Scheitern, vor allem dann, wenn es öffentlich geschieht und man nicht nur für sich, sondern auch für andere Verantwortung trägt, eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die große Selbstzweifel mit sich bringt. Southgate hätte es sich in diesem Schmerz gemütlich machen und die Schuld bei anderen suchen können: „Warum hat der Trainer bloß mich gefragt? Wie hätte ich da Nein sagen können?“. Southgate aber fing bei sich selbst an und setzte sich damit auseinander, warum er persönlich versagt hatte. Dabei gestand er sich ein, dass er (von mangelnder Erfahrung und Vorbereitung abgesehen) vor allem dem psychischen Druck in dieser Situation nicht gewachsen war. Später dann, als Nationaltrainer, nahm er seine persönliche Erfahrung zum Anlass, mit seinen Spielern auch über die Angst zu Versagen zu reden und brach damit ein Tabu. Zuvor wurde die Fähigkeit, einen Elfmeter erfolgreich zu verwandeln, ausschließlich als technische Fähigkeit angesehen – und daher kaum trainiert. Southgate hat jedoch verstanden, dass der Erfolg im Elfmeterschießen zweidimensional ist – technisch und emotional. Er hat zudem gezeigt, dass Spieler nicht nur ihre Schusstechnik verbessern, sondern auch ihre Ängste überwinden können, wenn sie diese akzeptieren und verstehen. Dies war allerdings nur möglich, weil er den Spielern und sich selbst zugestanden hat, Angst zu haben. Während des Elfmeter-Schießens bei der WM 2018 ruhte Gareth Southgate völlig in sich - er wusste, dass sein Team bestens vorbereitet war. Es war ihm gelungen, die Ängste des Teams und seine eigenen Ängste durch systematische Analyse und konsequentes technisches, wie auch psychologisches Training zu überwinden.

Nicht mehr Mut zum Scheitern, sondern weniger Angst vor dem Versagen

Von der Gesellschaft, allen voran von Politikern und Managern, wird heutzutage „Mut zum Scheitern“ gefordert. Der Mut kommt da zum Tragen, wo man vor der Angst nicht davonläuft, sondern sich ihr entgegenstellt. Das heißt, auch wenn man Angst davor hat zu scheitern, zieht man nicht den Kopf ein, sondern nimmt die Verantwortung an. Mut und Angst gehören daher zusammen. Je mehr Angst man hat, desto mutiger ist man, wenn man es trotzdem macht. Mut zum Scheitern heißt demnach, das man die Angst akzeptieren und damit leben muss. Dies impliziert jedoch, dass jene, die Angst vorm Scheitern haben, per se feige sind. „Vielleicht ist es jedoch mutiger, zuzugeben, dass man sich unsicher fühlt“, wie Southgate im Rückblick auf seine Rolle im Jahr 1996 sagt. Wenn man jedoch Gefahr läuft, als Feigling abgestempelt zu werden, ist die Hürde, eigene Ängste zuzugeben noch höher.

Southgates Einschätzung des Risikos zu scheitern war realistisch. Er hat den Schuss vergeigt, und die Halbfinal-Niederlage im eigenen Land war ein nationales Desaster. Die Angst war also durchaus angebracht – er war in dieser Situation nicht der richtige Mann. Southgate hat allerdings auch gezeigt, dass man Ängste nur dann systematisch bekämpfen kann, wenn man sich diese auch eingesteht. Wir brauchen daher nicht mehr Mut zum Scheitern, sondern weniger Angst vor dem Versagen.

Scheitern für Fortgeschrittene – wie man professionell scheitert

Niemand scheitert gerne. Wir alle sind wahrscheinlich schon einmal gescheitert. An unseren eigenen Ansprüchen, oder an denen Anderer – unserer Eltern, Partner, Lehrer, Vorgesetzten …. Manche Fehler betreffen nur uns selbst, manchmal verletzen wir durch unser Scheitern jedoch auch andere, unsere Kollegen, Mitarbeiter oder auch unsere Familie.  Jeder, der schon einmal gescheitert ist, weiß, dass dies eine sehr schmerzhafte Erfahrung ist.

Aktuell wird in sogenannten Fuck-Up Nights und ähnlichen Formaten dafür geworben, offen über das eigene Scheitern zu sprechen. Bekannte Persönlichkeiten, wie z.B. der Politiker Christian Lindner berichten von Ihren eigenen Misserfolgen und werben damit für einen offenen Umgang mit den eigenen Fehlern. Auch in Unternehmen gibt es mehr und mehr dieser Veranstaltungen. Durch das offene Erzählen soll eine Kultur geschaffen werden, in der es ganz normal und akzeptiert ist, über das eigene Scheitern zu reden. Dies ist ein wichtiger erster Schritt mit Symbolwirkung. Insbesondere, wenn die eigene Führungskraft dazu bereit ist, authentisch über das eigene Scheitern zu berichten. Gareth Southgate sprach von vorneherein offen und öffentlich über sein eigenes Scheitern. Während das freimütige Zugeben des eigenen Scheiterns vorbildlich war, hatte dies jedoch nicht den entscheidenden Einfluss auf seinen späteren Erfolg.

Dieser basierte vor allem auf der systematischen und aufrichtigen Auseinandersetzung mit den Gründen für das eigene Scheitern und einem professionellen Management der so identifizierten Faktoren. Während das öffentliche Teilen eigener Misserfolge darauf zielt, anderen den Umgang mit den eigenen Fehlern zu erleichtern, mag dies für einen selbst zwar therapeutische Wirkung haben, ersetzt jedoch nicht die systematische Analyse verbunden mit einem Lernprozess und konsequentem Handeln. Entsprechende Maßnahmen sind jedoch wertlos, wenn die zu Grunde liegende Analyse nicht ergebnisoffen und vorurteilsfrei geschieht. Southgate fand bei seiner eigenen Analyse Antworten, die ihm vermutlich nicht gefallen haben – er musste sich eingestehen, dass er einfach Angst hatte, dass er dem emotionalen Druck nicht gewachsen war. Er identifizierte demnach nicht nur technische, sondern auch psychologische Gründe für sein Scheitern. Angst zu haben, ist zwar menschlich, aber unpopulär, weil negativ behaftet. Wer möchte schon ein Angsthase sein? Hätte Southgate allerdings Angst vor der Angst gehabt und sich davor verschlossen, Angst als Grund für das Scheitern anzuerkennen, hätte er einen wesentlichen Punkt übersehen und wäre vermutlich auch 2018 gescheitert. Bei der Analyse darf es daher keine Tabu-Zonen geben.

 Um eine positive Fehlerkultur zu fördern, brauchen wir daher vor allem Ehrlichkeit. Dazu gehört, sich selbst einzugestehen und anderen zuzugestehen, dass Scheitern zunächst erstmal schmerzhaft ist. Und ob sich der Erfolg später einstellt, ist vorerst ungewiss. Empathie ist daher wichtig, um dem Gescheiterten dabei zu helfen, besser mit der Situation zurecht zu kommen. Nachdem Sieg im Elf-Meterschiessen 2018, ging Southgate daher zu dem gegnerischen kolumbianischen Fehlschützen, um diesen zu trösten. Trost ist allerdings zwar hilfreich, um die Konsequenzen des eigenen Scheiterns besser zu ertragen, er ist aber nicht hinreichend, um zum späteren Happy End zu führen.

Die meisten Wege zum Erfolg sind mit Misserfolgen gepflastert. Das eigene Scheitern sollte daher zwar nicht als Ballast, dennoch aber als Verpflichtung angesehen werden, so viel wie möglich für die Zukunft daraus mitzunehmen. Damit wird jedes Scheitern zur Lernchance, die genutzt oder vertan werden kann. Lernchancen kommen wiederum voll zur Entfaltung, wenn die Analyse aufrichtig, systematisch und wertfrei vorgenommen wird. Southgate hat seine Lernchance genutzt. Angst zu haben ist menschlich. Angst als Grund für das eigene Scheitern nicht anzuerkennen und daher nicht zu managen ist unprofessionell. Was wir daher wirklich brauchen, ist mehr Professionalität beim Scheitern.

Je professioneller der Umgang mit dem eigenen Scheitern, und damit verbunden je höher die gefühlte Souveränität im Umgang mit den eigenen Misserfolgen, desto mehr Raum bleibt dann auch für die „Lust am Gewinnen“, wie Jürgen Klopp sagt. Er kennt sich aus. Nach vielen Niederlagen und öffentlichen Betitelungen wie „Pleite-Kloppo“ gewann er 2019 mit dem FC Liverpool das Champions League Finale und wurde so zum „König von Liverpool“. Seit heute weiß auch Gareth Southgate, wie sich die Lust am Gewinnen anfühlt. In Wembley. Gegen die Deutschen. Nach 25 Jahren.

Literaturverweis

  • Der vorliegende Artikel basiert auf dem Originalartikel „Scheitern kann schön werden“ in: Stiftung der Deutschen Wirtschaft, 25 Jahre, Jubiläumszeitschrift

Autorin

Prof. Dr. Miriam Müthel

Prof. Dr. Miriam Müthel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Organizational Behavior an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Von 2014-2016 war Prof. Müthel zudem Network Fellow am Safra Center for Ethics der Harvard Universität, sowie Visiting Scholar am Minda de Gunzburg Center for European Studies der Harvard Universität im akademischen Jahr 2016/2017. Ihre Forschungsarbeit adressiert die Schnittstelle von Führung, Ethik und internationalem Management. Sie arbeitet u. a. zu Reaktionsstrategien von Unternehmen auf Fehlverhalten, den Umgang mit eigenen Fehlern, sowie der Förderung positiver Fehlerkulturen. Prof. Müthel unterrichtet die Fächer Unternehmensethik, ethische Führung und Organizational Behavior im BSc-, MSc- und MBA-Programm der WHU. Sie unterrichtet zudem den Kurs „Wie man eine positive Fehlerkultur schafft“ im Executive-Teaching-Programm der WHU.

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