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30.11.2020

Wie Übernahmen erfolgreiche Akteure gefährden können

Geopolitische Aspekte sollten berücksichtigt werden, wenn Unternehmensökosysteme sich durch Fusionen oder Übernahmen stark verändern

- Expertenmeinung -

Hervé Kubwimana - 30. November 2020

Schlüsselerkenntnisse für die Industrie

ARM ist nicht besonders bekannt und doch omnipräsent als Akteur unter den Technologiegiganten. Das Unternehmen steht im Zentrum der Computer- und Datenrevolution, die das Leben der Menschen und die Arbeitsweise von Unternehmen nachhaltig verändert. ARM stellt Blaupausen für Computerchips her und verkauft diese an mehr als 1.000 Technologieunternehmen. Seine fortschrittlichen, energieeffizienten Prozessordesigns ermöglichen die intelligente Datenverarbeitung in 180 Milliarden Chips von Hardwareherstellern und Chip-Firmen. Branchenführer wie Apple, Huawei, Broadcom und Qualcomm haben Lizenzen für ARM-Designs erworbenund sind beim Verkauf von Telefonen, Fernsehern, Uhren und allen Geräten des Internets der Dinge, die diese Designs enthalten, an diese Lizenzen gebunden.

Im Jahr 2016 wurde dieses Juwel der britischen Technologiebranche von der japanischen SoftBankGruppe für 32 Milliarden Dollar erworben – dem höchsten Preis, der je für ein europäisches Technologieunternehmen gezahlt wurde. Nun soll das Unternehmen weiter an die amerikanische NVIDIA Corporation – ursprünglich selbst Kunde von ARM – verkauft werden.  NVIDIA produziert vor allem energieintensive Spezialchips für Spielekonsolen, High-End-Fahrzeuge und Datenzentren.

Erfolgreich als Organisator des Ökosystems in der Halbleiterindustrie

Ökosysteme entwickeln sich durch glückliche Zufälle und Selbstorganisation. Eine führende Firma tritt dabei irgendwann als Katalysator auf, der die Entwicklung des Ökosystems lenkt. Die Partner profitieren vom gemeinsamen Lernen und bündeln aus Eigeninteresse ihre Investitionen. ARM hat diese taktische Rolle in der Halbleiterindustrie inne. Das Unternehmen vergibt Lizenzen für sein geistiges Eigentum an Partner im Silicon Valley, die digitale Elektronikprodukte für den Massenmarkt entwickeln. Die Kooperation besteht auf drei Ebenen: Mit Design-Partnern wird an weiteren Entwurfsprozessen gearbeitet, die sich unkompliziert in die Chipproduktion integrieren lassen. Mit den eigentlichen Geräteherstellern werden deren Anforderungen erörtert, um diese besser zu verstehen; und gemeinsam mit Softwareentwicklern werden Betriebssysteme kreiert, die auf spezielle Systemarchitekturen abgestimmt sind. Anschließend werden Entwürfe für Chips erstellt, die die Grundlage für die Innovationen all dieser Akteure bilden. Die Übernahme durch NVIDIA bringt meiner Meinung nach drei wenig wünschenswerte Herausforderungen für ARM mit sich, die die führende Rolle des Unternehmens im Halbleiter-Ökosystem in Frage stellen werden.

Verlust der Neutralität

Beginnen wir mit der Neutralität. ARM wurde einst als "die Schweiz der Halbleiterindustrie" bezeichnet: Das Unternehmen vermied nicht nur den direkten Wettbewerb mit seinen Kunden, sondern achtete auch gewissenhaft darauf, sich bei deren ständigen Auseinandersetzungen neutral zu verhalten. Ich denke, dass die Entscheidung der SoftBank Gruppe, ARM zu verkaufen, die Neutralität des Unternehmens insbesondere deshalb untergraben wird, weil ARM an einen seiner bisherigen Kunden geht. Dadurch könnten andere Unternehmen, die ARM als neutralen Ökosystem-Koordinator und -Vermittler geschätzt haben, diese Rolle in Frage stellen.

Spielball im Handelskonflikt

Die zweite Herausforderung besteht im andauernden Handelskonflikt zwischen China und den USA. Die gesamte chinesische Technologieindustrie ist von ARM abhängig. 51 Prozent der chinesischen Betriebe befinden sich im Besitz chinesischer Investoren, darunter Fonds mit staatlicher Beteiligung. Da die USA die chinesischen Technologiegiganten – zuletzt vor allem Huawei und TikTok – ständig im Würgegriff haben, gibt der ARM-Verkauf an ein US-Unternehmen den USA noch mehr Macht.

Als Reaktion darauf erwarte ich, dass China seine Abhängigkeit in der Halbleiterindustrie stark reduzieren möchte. Zum Beispiel werden chinesische Regulierungsbehörden wahrscheinlich restriktivere Maßnahmen einführen, wie die Forderung nach einer hundertprozentigen Beteiligung an ARM China Operations, bevor sie einem Abkommen in China zustimmen.

Schutz der ureigenen Interessen Großbritanniens

Schließlich wird sich dieses Abkommen wahrscheinlich auch auf das Vereinigte Königreich auswirken. Beim Kauf von ARM hatte SoftBank zugestimmt, die Investitionen und die Mitarbeiterzahl in Cambridge bis September 2021 zu verdoppeln, um seine britische Identität zu bewahren. Es bleibt unklar, was NVIDIA nun tun wird.

Angesichts der laufenden Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit der EU erwarte ich im Vereinigten Königreich deutlichen Widerstand gegen die Übernahme von ARM. Die Firma wird als zukünftig möglicherweise amerikanisches Technologieunternehmen wahrscheinlich negative Auswirkungen auf britische Firmen haben, die die Technologie von ARM nutzen. Grund ist eine denkbare Untersagung des Verkaufs von Produkten nach China, die ARM-Technologie enthalten. China jedoch stellt einen wichtigen Absatzmarkt für britische Unternehmen dar. Auch einige hochbezahlte Arbeitsplätze könnten von einer Verlagerung von Großbritannien in die USA bedroht sein. Deshalb würde es mich nicht überraschen, wenn das Vereinigte Königreich aus wirtschaftlichen Gründen und aus Gründen der nationalen Sicherheit das Geschäft ablehnen und sich dafür entscheiden würde, ARM mit Unterstützung der Steuerzahler wieder an die Börse zu bringen. Dies ist allerdings ein problematischer Vorgang, da es Großbritanniens Image in Bezug auf die Investitionssicherheit in Mitleidenschaft ziehen würde.

Von einem wenig bekannten und dennoch omnipräsenten Unternehmen ist ARM ins Zentrum der Diskussionen von Tech-, Regulierungs-, Handels- und Geopolitikanalysten gerückt. Dadurch, dass das Unternehmen ein zentraler Akteur des Halbleiter-Ökosystems ist, wird die geplante Übernahme durch NVIDIA in jedem Land, in dem ARM tätig ist, von den Aufsichtsbehörden geprüft und einzeln genehmigt. Die Übernahme bietet damit enormes Potenzial, ARM zum Spielball geopolitischer Machtinteressen zu machen, von den Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China bis hin zum Brexit. Angesichts des Einflusses der Weltpolitik auf das globale Geschäft wird es interessant sein zu sehen, wie sich die digitale Wirtschaft in einem sich zunehmend verändernden Geschäftsumfeld entwickeln wird und wie sich bekannte Ökosysteme organisieren werden, um sich anzupassen. 

Schlüsselerkenntnisse für die Industrie

  • Der Ruf von Organisatoren führender Ökosysteme steht häufig auf dem Spiel, wenn sie von einem großen Akteur aufgekauft werden. Das kann zur Störung des Gleichgewichts des gesamten Ökosystems führen.
  • In den vergangenen Jahren haben geopolitische Interessen mehreren Vertragsabschlüssen im Wege gestanden oder sie verhindert. Dies betrifft vor allem den Technologiebereich, wo Länder dazu neigen, den Kauf ihrer Ökosystem-Akteure als Angriff auf ihre eigene Souveränität zu betrachten. Daher könnten Kaufvorhaben auf globaler Ebene in Zukunft durch die geopolitischen Ambitionen einzelner Länder weiter verzerrt werden.

Literaturverweis

Autor

Hervé Kubwimana

Herve Kubwimana ist externer Doktorand am Lehrstuhl für Entrepreneurship, Innovation and Technological Transformation an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Dort forscht er zur Rolle von Beschleunigern bei Unternehmensinnovationen und -vorstößen. Als Start-up Partnership Program Manager bei der Merck KGaA unterstützt er zudem die Ideenentwicklung und -erweiterung für Unternehmen der nächsten Generation.

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