Freitag, 08. Dezember 2017

„Ist der ‚ehrbare Kaufmann‘ noch zeitgemäß?“

Am 29. November hielt Prof. Dr. Edda Müller, Vorsitzende von Transparency International Deutschland, im Rahmen der WHU Speaker Series einen Vortrag über Korruption im globalen Markt.

Prof. Dr. Edda Müller

Gleich zu Beginn ihres Vortrags beantwortete Prof. Müller die Frage, um die sich ihr Vortrag drehte: „Ja, wir brauchen den ‚ehrbaren Kaufmann‘ im globalen Markt mehr denn je.“ Für sie gehe es aber vor allem um das „Wieso“ dahinter. Wieso ist der ‚ehrbare Kaufmann‘ heute zeitgemäß? Um sich der Antwort zu dieser Fragestellung zu nähern, definierte die Rednerin zuerst, was Korruption sei, nämlich der „Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“. Meist äußere sich Korruption durch den Gebrauch von Schmiergeldern und Bestechung. Während es sich bei Schmiergeldern um kleinere Beträge handele, die an Behördenmitarbeiter gezahlt würden, um Leistungen zu erhalten, auf die man eigentlich sowieso einen rechtlichen Anspruch habe, sei Bestechung Korruption im größeren Stil.

„Korruption ist eine Gefahr für die Demokratie. Durch politische Korruption steigt die Skepsis gegenüber Politikern und der Politik“, warnte Prof. Müller vor den Folgen von Korruption. Korruption könne ganze Volkswirtschaften in eine Abwärtsspirale befördern. „Korruption ist daher sozial vollkommen unverantwortlich“, resümierte die Rednerin. Die sozialen Gefahren seien mannigfaltig: Das Gefälle zwischen arm und reich wachse, Kriminalität nehme zu und das Vertrauen auf Recht und Gesetz schwinde.

Um Korruption sichtbar zu machen und damit einzudämmen, gibt Transparency International seit über 20 Jahren den „Korruptions-Wahrnehmungs-Index“ heraus. Dieser misst die Bestechung von Amtsträgern und listet die derzeit 176 untersuchten Länder nach dem Grad an Korruption im öffentlichen Sektor. An den Zahlen lasse sich auch der Erfolg von Maßnahmen gegen Korruption messen. Prof. Dr. Edda Müller betont: „Besonders erfolgreich sind Systeme, die sich im Kampf gegen Korruption durch Glaubwürdigkeit auszeichnen. Georgien ist dafür ein gutes Beispiel.“ Dort habe sich durch die Einführung glaubhafter Strafmaßnahmen der Politik die Alltagkorruption merklich verbessert.

Das Bild vom ‚ehrbaren Kaufmann‘ ist schon viele hundert Jahre alt und manifestiert sich in Robert Boschs Ausspruch: „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“. Ein ‚ehrbarer Kaufmann‘ zeichne sich durch die Werte Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Integrität und Anstand aus, fasste Edda Müller zusammen. Sie berief sich dabei auf die Vernunftethik von Kant. Das heutige wirtschaftliche Denken sei aber immer noch stark durch David Ricardos Gesetz der komparativen Kosten beeinflusst. Dies führe im internationalen Handel zu großen Problemen, wie Verletzungen von Arbeitnehmer- und Menschenrechten, Sozialdumping und eine Zollpolitik, die beispielsweise keine Verarbeitungsindustrie in den Exportländern zulasse und eine Ausbeutung von Rohstoffen fördere.

Die derzeitige Lage sei durch die Anwendung von „Soft Law“ bestimmt, also Initiativen mit Empfehlungscharakter, die vor allem über Staatsgrenzen hinweg nur schwer nachzuvollziehen und durchzusetzen seien, wie OECD-Leitsätze, G7- und G20-Beschlüsse oder UN-Leitprinzipien. Besonders schwierig wäre es für Unternehmen, die zwar versuchen sich an alle empfohlenen Kriterien zu halten, aber deren Konkurrenten es nicht tun. „Wir sind leider noch nicht soweit, dass wir verlässliche Mechanismen haben“, räumte Prof. Dr. Edda Müller ein.

Obwohl es schwierig sei, eine Einstimmigkeit in der EU zum Thema Korruption zu erreichen, müsse man beispielsweise im Steuerrecht die Legalität verändern, so die Rednerin. Auch im Arbeitsrecht und in der rechtlichen Einstufung und Behandlung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen sieht Prof. Müller Nachholbedarf. Da es keine Möglichkeiten gäbe von außen etwas über Korruption in Unternehmen festzustellen, müsse der Schutz von Insidern und Hinweisgebern deutlich verbessert werden. Auch im Unternehmensstrafrecht sehe sie großes Verbesserungspotenzial. Abschließend plädierte sie gerichtet an ihre akademischen und studentischen Zuhörer dafür, dass Ethik zum Pflichtfach in der Management-Ausbildung werden müsse. Sie beendete ihren Vortrag mit dem Appell: „Der ‚ehrbare Kaufmann‘ ist nichts von vor fünfhundert Jahren – er gehört in unsere Zeit“.

 

Über die Rednerin:

Prof. Dr. Edda Müller wurde 1942 in Sorau/Niederlausitz geboren. Sie ist Honorarprofessorin an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Nach beruflichen Stationen im Bundesinnenministerium, im Bundeskanzleramt, dem Umweltbundesamt und im Bundesumweltministerium war sie von 1994 bis 1996 Ministerin für Natur und Umwelt in Schleswig-Holstein und von 1998 bis 2000 Vizedirektorin der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen. Von 2001 bis 2007 war sie Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. Von 2005 bis 2010 gehörte sie dem Beirat von Transparency International Deutschland und ist seit 2010 deren Vorsitzende.