Mittwoch, 11. April 2018

Sozial denken, wirtschaftlich handeln

Soziales Unternehmertum hat sich in den letzten Jahren von einer Nischensparte zu einem weltweit rasant wachsenden Businessmodell entwickelt. Neben steigenden Investitionen und erhöhter medialer Aufmerksamkeit erfährt die Branche auch eine deutliche Professionalisierung durch erfahrene Investoren. Die diesjährige SensAbility Konferenz, die am 6. und 7. April auf dem Vallendarer Campus der WHU – Otto Beisheim School of Management stattfand, rückte mit ihrem Motto “Think Social. Act Economically“ die zwei entscheidenden Erfolgsfaktoren für soziales Unternehmertum in den Fokus.

SensAbility 2018 wurde moderiert von Chris MM Gordon, CEO des Irish Social Enterprise Networks

Markus Sauerhammer, Vorsitzender des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND), eröffnete die Konferenz. Aufgewachsen als Sohn von Landwirten ernüchterte ihn die mangelnde Wandlungsbereitschaft in der Branche frühzeitig. Die gesamte Gesellschaft benötige einen Bewusstseinswandel, den die Politik nicht leisten könne, so Sauerhammer. Sozialunternehmer seien hingegen in der Lage, Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen und die Gemeinschaft von ihren Ideen profitieren zu lassen.

Im Anschluss beeindruckte Matthias Scheffelmeier mit seinem Bericht über Ashoka, einem internationalen Netzwerk führender Sozialunternehmer, dessen deutscher Ableger selbst auch Teil von SEND ist. Ashoka unterstüzt innovative Ideen, darunter etwa das Startup Apopo (Hero Rats), das mit Hilfe von Ratten Landminen sicher und kostengünstig aufspürt. Die Ratten bleiben dabei unverletzt. Auch das Unternehmen Specialisterne ist Mitglied beiAshoka und vermittelt Autisten als spezialisierte Fachkräfte in die Wirtschaft. Das Startup Colalife hingegen macht sich ein kommerzielles Paradoxon zunutze und verschickt Hilfsgüter und Medizin in den Hohlräumen von Coca-Cola-Kästen, die so ohne Mehraufwand selbst völlig abgelegene Dörfer erreichen. Scheffelmeier glaubt an die Kraft des Kollektivs: „Konzentriert euch nicht nur auf euer eigenes Unternehmen, teilt eure Ideen als Open-Source-Lösungen mit anderen!“ Die Finanzierung rückt für ihn dabei erstmal in den Hintergrund, wichtiger seien Engagement und Hingabe. Wer echten Wert generiere, etwas, das Menschen sehen und anfassen können, wer überzeuge, der komme automatisch auch zu Geld.

Während interaktiver Workshops und einem „Speed Dating“-Event gewährten erfolgreiche Sozialunternehmen und etablierte Plattformen wie etwa das Social Impact Lab Frankfurt, der gemeinnützige Verein „Nestwärme e.V.“ oder Oradian, ein Fintech-Startup von WHU-Alumnus Julian Oehrlein, den Teilnehmern wertvolle Einblicke in ihre Strategie und Philosophie.

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „How to Be An Environmentalist When World Leaders Are Not?“ diskutierten Corinna Pape, Mitgründerin der Crowdfunding-Plattform SPONSORT, Tobias März, Herausgeber des Podcasts Sinn.Arbeit.Leben, Monika Hauck, Direktorin des WHU Entrepreneurship Center und Reza Solhi, Seriengründer und Sozialunternehmer, Strategien, um als Individuum und Unternehmer umweltschützend zu handeln.  

Ein Highlight der Tagung war die sogenannte „FuckUp Session“, in der erfahrene Gründer amüsant und schonungslos eigene Fehler aufarbeiteten. Holger Heinze, Gründer der Monagoo GmbH, zeichnete nach wie er mit seinem Unternehmen pleiteging. Individuelle Fehler verknüpfte er dabei mit konkreten Handlungsempfehlungen und bestätigte das Konferenzmotto: Sozial denken reicht nicht aus, auch ein Sozialunternehmen muss wirtschaftlich sinnvoll geführt werden. Eine Erkenntnis, die Felix Leonhard, Mitgründer der Purefood GmbH teilt. Mit der Fair-Food Marke „lycka“ vertreibt er nachhaltige Lebensmittel und spendete bereits über eine Million Schulmahlzeiten für Kinder in Entwicklungsländern. Doch von der Erfolgsstory gibt es auch eine zweite Version: „Fragt immer nach der tatsächlichen Gründungsgeschichte“, erklärte Leonhard und berichtete, wie er von Partnern übervorteilt, von einem Investor fast verklagt und von dreien seiner vier Mitgründer im Stich gelassen wurde. Eine Durststrecke, die für den vierten Mitgründer im Burnout endete. Weitergemacht hat Leonhard trotzdem und möchte zum Gründen ermutigen. Dabei sei es besonders wichtig, stets auf das eigene Bauchgefühl zu hören, bei Verträgen das Kleingedruckte zu studieren und bei Problemen um Hilfe zu bitten.  

Junge Gründer, die ein soziales oder ökologisches Problem auf effiziente und nachhaltige Weise lösen wollen, hatten wie in jedem Jahr im Rahmen des „SocialPitch@Sens“ die Gelegenheit, ihre Idee vor einer Jury aus renommierten Sozialinvestoren und Organisationen zu präsentieren. Gewonnen hat das Team von „Thriving Green“, das die Alge Spirulina in der Wüste Kenias anbaut und mit diesem Superfood Hunger und Mangelernährung bekämpft. Hierfür errichtet das Team gemeinsam mit den Einheimischen Zuchtanlagen und bildet sie im Anbau, Betrieb und Verkauf aus. Durch Workshops werden sie dazu befähigt, sich selbst, ihre Familien und ihr ganzes Dorf nachhaltig zu ernähren.

Weitere Informationen zu vergangenen Kongressen unter www.whu-sensability.de

Monika Hauck von der WHU diskutiere während einer Podiumsdiskussion mit Experten über Umweltschutz

Scot Frank, CEO von One Earth Designs plant eine nachhaltige Energierevolution

Die SensAbility Konferenz bot auch in diesem Jahr Gelegenheiten zum Netzwerken