Mittwoch, 28. November 2018

„Es kann wieder passieren“

Im Rahmen der In Praxi-Speaker Series lud die WHU – Otto Beisheim School of Management am 27. November zum Zeitzeugengespräch mit der Holocaust-Überlebenden Henriette Kretz ein.

Henriette Kretz spricht gefasst von ihren Erinnerungen: „Die Geschichte, die ich Ihnen erzähle, ist schon 74 Jahre alt – ein ganzes Menschenleben. Ich erzähle Ihnen aus meiner Kindheit als ich 8, 9, 10 Jahre alt war.“ Die Zuhörer im gut gefüllten Hörsaal können sich die damit verbundenen Gefühle kaum vorstellen. Auch die Zahlen, die Henriette Kretz nennt, sind kaum begreiflich. Sie wurde in der heutigen Ukraine geboren. In der dortigen Hauptstadt Kiew wurden in nur wenigen Tagen etwa 70.000 Juden ermordet.  

Henriette Kretz stammt aus einer gutbürgerlichen Familie. Die Mutter Anwältin, der Vater Arzt. Sie zeigt Fotos von ihrer Familie, von ihren Eltern, den Tanten und Onkeln, von ihren Cousinen. Bis auf einen Onkel und Henriette wurden sie alle von den Nazis ermordet. Als sie acht Jahre alt war, erzählt Kretz, wurden ihre Eltern vor ihren Augen erschossen. Das Kind rannte um sein Leben und fand schließlich Unterschlupf bei einer ehemaligen Patientin ihres Vaters, die sie im Kloster verstecken konnte, bis der Krieg vorüber war.

Obwohl Henriette Kretz so viel Leid und Hass erfahren hat, obwohl sie allen Grund zum Klagen hätte, ist sie nicht zum Predigen gekommen, sagt sie. Vielmehr möchte sie sich für ihre Kinder, für ihre Enkel und für die Anwesenden einsetzen. „Wir sind alle Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften. Einige begehen schlechte Taten, weil sie auf Lügen und Propaganda hereinfallen“, ist Henriette Kretz überzeugt. Angesichts der Protest- und Gewaltakte gegen Flüchtlinge und des wieder aufblühenden Nationalstolzes, stellt die 84-jährige klar: Ein Holocaust kann wieder passieren.  

Den Glauben an das Gute hat Kretz dennoch nicht verloren. Sie habe sehr viel Glück gehabt, doch sie sei auch immer wieder auf Helden getroffen: „Ich gehe nicht in die Schulen und halte diese Vorträge nicht, um Ihnen zu sagen, was Sie tun sollten. Entscheiden Sie für sich, in was für einer Welt Sie leben möchten.“