Mittwoch, 19. Februar 2020

Digitale Plattformen erobern Finanzmarkt

Ob das Internet das Leben von Millionen von Menschen verändern würde, darauf wusste Steve Jobs im Jahre 1996 eine klare Antwort: Nein. Obgleich sein Status als Visionär unangefochten ist, fand er diese Meinung auf dem metaphorischen Holzweg. In einer Welt, die sich in solch schnellem Wandel befindet, ist es schwierig, Aussagen über die Zukunft zu treffen. Dr. Ralph Müller, Berater und Investor in den Bereichen Banking und Digital Business, wagte es dennoch im Rahmen seines Gastvortrags „How Digital Platforms Change the Competitive Landscape of Banks, Fintechs and GAFAs“ an der WHU – Otto Beisheim School of Management.

Dr. Müller zufolge werden Großkonzerne wie Google, Apple, Facebook und Amazon, stellvertretend für andere Unternehmen dieser Größenordnung unter GAFA zusammengefasst, die Finanzwelt umkrempeln. Sie hätten das, was Fintechs fehlt: große Kundenstämme. Zudem verfügten sie über massive Budgets für Forschung und Entwicklung. Das größte Potential der GAFAs bestehe aber in den Plattformen selbst. Diese ermöglichten Produzenten und Konsumenten den Austausch und verschafften beiden eine Wertsteigerung. Industrie-orientierte Plattformen wie Amazon und Co. verfügten über einen selbstverstärkenden Zyklus, demzufolge eine steigende Anzahl an Anbietern eine steigende Anzahl an Kunden und umgekehrt bedinge. Diese Plattformökonomie sei zunehmend bedeutend für die Finanzindustrie. Bisher haben GAFAs wenig Interesse an einem Einstieg in den Finanzmarkt gezeigt, doch das wird sich laut Dr. Müller ändern.

Zwei Trends hätten diesen Sinneswandel maßgeblich beeinflusst: Zum einen sei es der Kunde selbst, der durch Angebote wie „Same Day-Delivery“, Online Selbst-Check-in und Lieferungsverfolgung der bestellten Ware eine gewisse Serviceleistung gewöhnt sei und diese nun auch branchenübergreifend fordere. Zum anderen eröffneten neue technologische Erfindungen wie APIs, Programmierschnittstellen, neue Businessmodelle. Gemeinsam mit der im Januar 2018 von der EU erlassenen Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ermöglichten APIs neuen Finanzdienstleistern die Spezialisierung auf einen kleinen Teil des Bankensystems und sorgten somit für Fintech-freundliche Rahmenbedingungen.

Durch die Abschaffung von Vermittlerstellen könnten die Plattform, das Produkt und der Nutzen von verschiedenen Dienstleistern zur Verfügung gestellt werden. Für die Kundenschnittstelle und –interaktion würden sich so vor allem die Großkonzerne qualifizieren. Vorteile für Amazon und Co. gäbe es allemal: Kunden müssten nie die App verlassen und würden dort zudem Daten über ihr Konsumverhalten hinterlassen – und was GAFAs vor allem wollten, seien Daten.

Der Weg zum finanziellen Plattformdienstleister sei dennoch nicht gepflastert. Das Erschließen weiterer Märkte könnte zu einer Unternehmensgröße führen, die Misstrauen generiert. Ebenso bestünde Gefahr durch Skandale rund um das Thema Datenschutz.

Ob letztendlich GAFAs, Fintechs oder doch traditionelle Banken das Rennen um die Vorherrschaft auf dem Finanzmarkt machen, ließe sich nicht mit absoluter Sicherheit vorhersagen – Das habe Steve Jobs wie eingangs berichtet bewiesen. Investoren würden jedoch GAFAs und Fintechs favorisieren. Für Dr. Müller steht der Gewinner des zukünftigen Bankensystems bereits fest: Es ist der Kunde.

Der Gastvortrag war Teil des Kurses „Financial Technologies“ von Prof. Dr. B. Burcin Yurtoglu im Master of Science-Programm.