Donnerstag, 13. Februar 2020

Meinung: Rettung der Automobilindustrie

Investitionen in neue Technologien allein werden die deutsche Automobilindustrie nicht retten – dessen ist sich Prof. Dr. Dries Faems, Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship, Innovation and Technological Transformation an der WHU – Otto Beisheim School of Management, sicher. Auf seiner Plattform „Innovation Ecosystem Hub“ findet er klare Worte für die Zukunftsaussichten von BMW, Volkswagen und Co.

„Die deutsche Automobilindustrie steht vor herausfordernden Zeiten. Im vergangenen Monat hat Tesla Volkswagen beim Rennen um Platz zwei der wertvollsten Automobilhersteller der Welt überholt und steht nun direkt hinter der japanischen Marke Toyota. In dieser Woche musste Daimler furchtbare Finanzergebnisse vermelden, die CEO Ola Källenius zu massiven Kostensenkungen und zum Abbau von Arbeitsplätzen zwangen. Neben den traditionellen Ankündigungen von Kostensenkungen zur Beruhigung der Investoren versprechen diese deutschen Autohersteller, in neue Technologien zu investieren, um die negative Spirale umzukehren und eine blühende Zukunft zu ermöglichen. E-Mobilität und digitale Transformation sind die magischen Worte, die für diesen technologischen Wandel stehen.

Mein Kernargument ist, dass es nicht ausreichen wird, Geld und Ressourcen in neue Technologien zu investieren, um die deutsche Automobilindustrie zu retten. Meiner Meinung nach müssen diese Unternehmen einen neuen organisatorischen Ansatz finden, um solche technologischen Transformationsprozesse erfolgreich umzusetzen. Insbesondere plädiere ich für die Notwendigkeit eines Ecosystem-Ansatzes, der den Aufbau eines umfangreichen Netzes strategischer Partnerschaften voraussetzt.

Jahrzehntelang haben die deutschen Automobilhersteller ihre Dominanz im Bereich verbrennungsbasierter Technologien als Anlass gesehen, ihre Zulieferer wie Diener zu behandeln, die ihre Aufträge zu äußerst wettbewerbsfähigen Margen gewissenhaft auszuführen hatten. Diese Diener waren oft extrem abhängig von den Autoherstellern und daher bereit, den Königen der Industrie um jeden Preis zu gefallen. So konnten sich die deutschen Autohersteller einen dominanten Anteil der in der Wertschöpfungskette erzielten Gewinne aneignen.

Heute hat sich die Industrielandschaft radikal verändert. Im Rahmen der E-Mobilität und der digitalen Transformation sehen wir Start-up-Unternehmen, die stolze Entwickler und Eigentümer bahnbrechender Technologien sind, was ihnen eine dominante Position bei Verhandlungen mit den Autoherstellern verschafft, die eifrig nach neuen technologischen Möglichkeiten suchen. Darüber hinaus impliziert der Übergang zur Digitalisierung, dass die Autohersteller nun der Konkurrenz neuer digitaler Könige wie Google, Apple und Amazon ausgesetzt sind.

Wie können deutsche Autohersteller, die sich auf die technologische Transformation einlassen, erfolgreich mit dieser sich wandelnden Landschaft umgehen? Ich schlage die Notwendigkeit eines Ecosystem-Ansatzes vor, der die folgenden Merkmale erfüllt. Erstens sollten die Automobilhersteller externe Partner nicht mehr als abhängige Lieferanten sehen, sondern als gleichberechtigte Partner, mit denen gemeinsam Werte geschaffen werden können. Ein solcher Wandel wird unterschiedliche Arten von Verträgen, Denkweisen und Zeithorizonten erfordern. Zweitens sollten sie erkennen, dass das Teilen von Wissen oft hilfreicher für das Ökosystem ist als der Schutz von Wissen. Die Entscheidung von Tesla im Jahr 2014, sein Patentportfolio für Batterietechnologien zu veröffentlichen, ist in dieser Hinsicht exemplarisch. Zu guter Letzt erfordert die Umsetzung eines Ökosystem-Ansatzes einen anderen Führungsstil. Anstatt eines Alpha-Männchen-Führungsstils, bei dem die CEOs versuchen, die Branche um jeden Preis zu dominieren, brauchen wir Führungskräfte, die über die notwendigen diplomatischen Fähigkeiten verfügen, um die vielfältigen Interessen eines komplexen Netzwerks strategischer Partnerschaften zu orchestrieren und zu berücksichtigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es für die deutsche Automobilindustrie von entscheidender Bedeutung ist, den Anschluss an neue technologische Trends wie E-Mobilität und Digitalisierung zu finden. Dies wird jedoch nur dann gelingen, wenn sie gleichzeitig einen Ecosystem-Ansatz verfolgt, bei dem die strategische Zusammenarbeit mit externen Partnern voll zum Tragen kommt.“

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