Freitag, 17. Januar 2020

Nimm 1, Zahl 2

Neue Studie zeigt, wie Online- und Offline-Dienste häufig die tatsächliche Nutzungsmenge für die Abrechnung aufrunden und damit deutlich ihre Einkünfte steigern. Kunden unterschätzen den Einfluss der Aufrundung auf den Rechnungsbetrag bei ihrer Wahl des Dienstes.

Stellen Sie sich vor Sie tanken an der Tankstelle 11,2 Liter Benzin und an der Kasse werden Ihnen 12 Liter berechnet mit dem Hinweis: „Bei uns wird auf den nächsten Liter aufgerundet.“ Wahrscheinlich wären wir überrascht, da diese Aufrundung zu einem tatsächlichen Preis führt, der 7,14 Prozent (= 12 / 11,2 - 1) über dem angekündigten Preis liegt. Doch sind wir als Kunden in der Lage die Auswirkungen solcher Aufrundungen zu verstehen oder täuscht diese Art der Preisgestaltung?

Ein solches Preismodell ist für Tankstellen eher unwahrscheinlich, allerdings in vielen anderen Branchen sehr beliebt. Beispielsweise verwenden Autoreparaturwerkstätten, Rechtsanwälte oder Steuerberater in der Regel eine Viertelstunden-Taktung. Parkhäuser oder Car-Sharing-Dienstleister rechnen häufig pro Stunde ab. Den Skipass müssen Sie sogar pro Tag bezahlen. Diese Art der Abrechnung wurde in der Vergangenheit auch häufig bei Mobilfunktarifen eingesetzt.

Eine solche Taktung führt dazu, dass der Anbieter, wie in dem Supermarktbeispiel, eine höhere Nutzung als die tatsächliche Nutzung in Rechnung stellt. Kunden müssen also "eins kaufen, zwei bezahlen", wenn die in Rechnung gestellte Nutzung doppelt so hoch ist wie die tatsächliche Nutzung. Das passiert beispielsweise, wenn Sie das Parkhaus bereits nach 30 Minuten wieder verlassen. Gleichzeitig führt das aber auch dazu, dass die Berechnung des Rechnungsbetrages nicht mehr so einfach ist.

In dem Artikel „Pricing Metrics and the Importance of Minimum and Billing Increments“ von Bernd Skiera (Goethe Universität Frankfurt), Christian Schlereth (WHU – Otto Beisheim School of Management) und Sebastian Oetzel (Hochschule Fulda), der im Journal of Service Research erscheint, untersuchen die Autoren deshalb folgende Forschungsfragen beispielhaft für den Telekommunikationsmarkt:

  • Welchen Einfluss hat die Taktung auf die Nutzung und auf den Rechnungsbetrag?
  • Verstehen Kunden den Einfluss der Taktung auf den Rechnungsbetrag?
  • Was sind Ursachen von Tarifwahlfehlern?

Die Analyse von über 700 Handyrechnungen mit knapp 38.000 Gesprächen zeigt, dass die berechnete Nutzung etwa 43 Prozent höher als die tatsächliche Nutzung ist. Dies entspricht etwa zwei Drittel der Gewinne der in der Studie untersuchten Anbieter. Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass die Kunden das Nutzungsverhalten anpassen, wenn man die Anbieter zu einer sekundengenauen Abrechnung zwingen würde.

In einer durchgeführten Befragung können zudem eine große Anzahl von unsystematischen Tarifwahlfehlern bei hypothetischen Tarifwahlentscheidungen beobachtet werden (ca. 48 Prozent). Dies entspricht in etwa der Anzahl von Tarifwahlfehlern in den Transaktionsdaten (ca. 41 Prozent). Die Ergebnisse der Befragung zeigen weiter, dass Personen, die Probleme haben grundlegende mathematische Konzepte zu verstehen, die größte Wahrscheinlichkeit besitzen einen Fehler bei der Wahl eines Tarifs zu machen.

Den Artikel finden Sie Open Access (kostenfrei verfügbar) hier