Montag, 27. Januar 2020

Wenn der ehemalige Chef zum Hindernis wird

Eine Unternehmensnachfolge ist gefunden, die Übergabe lief harmonisch, jetzt kann es mit frischem Wind in die Zukunft gehen. Dass das für kleine und mittelständische Unternehmen so einfach nicht ist, zeigt Prof. Dr. Nadine Kammerlander von der WHU – Otto Beisheim School of Management mit ihren Co-Autorinnen Prof. Miriam Bird von der Universität St. Gallen und der angehenden Juniorprofessorin Priscilla Kraft und Doktorandin Stephanie Querbach (beide WHU) in ihrer jüngsten Studie: “When the Former CEO Stays on Board: The Role of the Predecessor’s Board Retention for Product Innovation in Family Firms”. Dafür haben sie mehr als 200 Schweizer mittelständische Unternehmen in der Phase der Betriebsübergabe untersucht.

Während sich der Forschungsschwerpunkt bei Innovationen in Familienunternehmen bisher überwiegend auf den oder die NachfolgerIn konzentriert hat, hatten die vier Forscherinnen ein anderes Erkenntnisinteresse: Sie betrachteten die Rolle des ehemaligen Chefs und was sein (anhaltender) Einfluss nach der Betriebsübergabe für die Innovationsfähigkeit von Produkten und Dienstleistungen des Betriebs bedeutet. Die kurze Antwort: Er ist hinderlich.

Sich durch Innovationen am Markt behaupten zu können, ist in hauptsächlich mittelständisch und familiär geprägten Wirtschaftsunternehmen wie in der Schweiz (ebenso wie in Deutschland) entscheidend. Bislang herrschte das Paradigma vor, dass der ehemalige Geschäftsführer als Mentor dient und durch seine Erfahrung den Nachfolgern den Einstieg erleichtert. Kammerlander und ihre Kolleginnen kommen zu einem anderen Ergebnis: Durch die eingefahrenen Strukturen verlieren Unternehmensführer stark an Innovationsfähigkeit und zur Bewahrung ihres Erbes sind sie eher am Erhalt des Status quo interessiert. Können die ehemaligen Geschäftsführer, sofern sie weiterhin in einem Gremium Einfluss haben, dann auch noch alleine über ihren Nachfolger oder ihre Nachfolgerin entscheiden, überträgt sich dieses Phänomen. Nach Ansicht der Forscherinnen werden sie jemanden bestimmen, der ihnen ähnelt und vor allem den eingeschlagenen Kurs fortsetzt. Umgekehrt versucht die nächste Generation in der Führungsebene dem Vorgänger und starken Entscheidungsfinder zu imponieren und in dessen Sinne zu führen. Neue Perspektiven und mehr Risikobereitschaft bleiben dabei häufig auf der Strecke.

Die Studie unterscheidet, ob die Unternehmensführung innerhalb der Familie oder extern weitergegeben wird. In beiden Fällen haben die Forschungsergebnisse gezeigt, dass der Fortbestand des Einflusses eines ehemaligen Geschäftsführers hinderlich für die Einführung von Innovationen in Firmen ist. Jedoch schwächt sich dieser Trend bei einer familieninternen Übergabe deutlich ab, weil dem eigenen Fleisch und Blut ein Vertrauensvorschuss gewährt wird und die Nachfolger dadurch freier entscheiden können. Die Autorinnen der Studie arbeiten außerdem heraus, dass je länger die Nachfolger dem Einfluss ihres Vorgängers ausgesetzt sind, deren Innovationsfähigkeit immer weiter abnimmt. Als Lösung schlagen sie vor, die Kompetenzen des ehemaligen Chefs bei der Unternehmensübergabe klar und transparent abzustecken, um graue Eminenzen zu vermeiden.

Die vollständige Abhandlung ist online in der neuesten Ausgabe des „The Journal of Product Innovation Management“ zu finden.

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