Donnerstag, 16. März 2017

„Bilder der Seele“: Pater Anselm an der WHU

„Immer wenn wir glauben, die Bilder, die andere uns übergestülpt haben, erfüllen zu müssen, rebelliert unsere Seele“, erklärt Pater Dr. Anselm Grün gleich zu Beginn seines Vortrages im Rahmen der WHU Speaker Series, in dem es um Denkanstöße zur Wiederherstellung der inneren Harmonie und Ganzheit und um das Loslösen von entwertenden oder überfordernden Erwartungen gehen soll. Eine Thematik, die in Zeiten der Schnelllebigkeit, Globalisierung und konstantem Selbstoptimierungsdrang offenbar viele Menschen beschäftigt. Denn als Pater Anselm am 13. März in Vallendar vor seine Zuhörer tritt, ist der größte Hörsaal der WHU – Otto Beisheim School of Management bis auf die letzten Plätze besetzt.

Es sind die Zerrbilder unserer selbst, die uns überfordern, uns hemmen und uns unsere Energie rauben, sagt Pater Anselm und bezieht sich dabei sowohl auf die Bilder, die andere von uns haben, als auch auf negativ verfälschte Selbstbilder oder Bilder der eigenen Selbstüberschätzung. Insbesondere letztere sieht Pater Anselm als große Gefahr für die seelische Gesundheit. Das Gefühl, immer gut drauf sein zu müssen, der Anspruch, stets nach Perfektion zu streben, führen schnell zur Überforderung. Bilder, die wir und andere entwerfen, entfremden uns von uns selbst. Daher empfiehlt Pater Anselm Menschen, die seinen Rat suchen, sich einmal die Frage zu stellen, wer sie selber sind und bewusst einen Tag mit dem Bild „Ich bin ich selber“ vor Augen zu verbringen, um die Vielfalt der Rollen zu erleben, die wir alle jeden Tag einnehmen. Denn unter der Last falscher Bilder sei das wahre Selbst oft nicht mehr beschreibbar, aber doch noch wahrnehmbar.

Pater Anselm erzählt von zahlreichen Beispielen individueller Fälle aus seiner Arbeit als geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation, Kontemplation und geistliches Leben. Da gibt es die Mutter, in der Stille und Schweigen Panik auslösen, wenn sie mit sich selbst und ihren Gedanken alleine ist und der er empfiehlt, sich der Stille zu stellen, die eigenen Unzulänglichkeiten anzunehmen, um zu innerer Ruhe zu gelangen. Oder den Rektor, der den Schulalltag nur noch als Kampf wahrnimmt und der von seiner Verantwortung erdrückt wird. Und den Manager, der eigentlich lieber Pilot geworden wäre. Sie scheitern an aufgebauten Selbstbildern und ihnen rät Pater Anselm, sich auf sich selbst zurückzubesinnen, sich beispielsweise zu fragen, welche Interessen man einst als Kind hatte und wie sich diese im späteren Leben wiederfinden lassen.

Wir alle tragen Bilder in unseren Köpfen, die uns unbewusst bestimmen. Entscheidend sei es, gute, heilsame Bilder zu finden. Diese „Bilder der Seele“ können uns zu einem selbstbewussten und authentischen Leben führen und einen therapeutischen Effekt haben. Dabei ist es ratsam, dem Rhythmus der Natur zu folgen, sich selbst Rituale zu schaffen. Denn Rituale sind für Pater Anselm heilige Zeit, „Zeit, die nur mir gehört, wo ich selber lebe und nicht gelebt werde.“

Auch das Kirchenjahr orientiert sich am Rhythmus der Natur. Pater Anselm erklärt die Feste des Kirchenjahres mit ihren Bildern und Symbolen und erläutert Möglichkeiten, ihre Bedeutung auf unser Leben zu übertragen. So steht etwa die Adventszeit für das Warten auf ein Kommen und damit für das Bild der Sehnsucht. Sie kann genutzt werden, als die Zeit im Jahr, um aus der Sucht wieder Sehnsucht werden zu lassen, ganz egal mit welchen individuellen Süchten Menschen zu kämpfen haben. Die gerade aktuelle Fastenzeit sieht er als Trainingszeit, in der man Verzicht üben kann, um sich selbst zu spüren und sich zu zeigen, dass man frei ist. Denn „wer nicht verzichten kann, kann auch nicht genießen.“ Entscheidend sei es jedoch, weder das Verzichten noch das Genießen zu übertreiben.

Die Weihnachtszeit dagegen bietet die Chance zur Rückbesinnung auf das innerste Selbst. Immer mehr Menschen leiden unter dem Gefühl innerer Leere und fühlen sich unverstanden, übersehen oder verlassen. In Anlehnung an das in der Psychologie häufig bemühte Bild des „inneren Kindes“ rät Pater Anselm zur Begegnung mit dem „göttlichen Kind“, das für das Ursprüngliche und für das Leben steht. Bei vielen Menschen hat es schon früh durch Verletzungen an Lebendigkeit verloren. Wenn es gelingt, wieder Kontakt zu dieser ursprünglichen, klaren Quelle herzustellen, kann man das Gefühl, ganz man selbst zu sein, wiederfinden und die eigene Leere überwinden. Nach einer offenen Fragerunde mit dem Publikum lud Pater Anselm alle Anwesenden zu einem Versöhnungsritual ein, um in der Stille ihr „verletztes inneres Kind“ und damit neben allen eigenen Stärken auch die eigenen Schwächen zu umarmen. In diesem so geschaffenen inneren Raum der Stille „sind die Menschen frei, heil und ganz, ursprünglich und authentisch, rein und klar und das Geheimnis Gottes wohnt in uns“, so Pater Anselm.

„Ich wünsche Ihnen, in Berührung zu kommen mit dem wahren Bild“, sagt Pater Anselm zum Abschluss, bevor er seinen Zuhörern bei einem kleinen Umtrunk mit Imbiss die Möglichkeit gibt, eigene Fragen mit ihm persönlich zu diskutieren.

 

Über den Redner:

Pater Dr. Anselm Grün wurde am 14. Januar 1945 in Junkershausen geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft wurde er 1977 wirtschaftlicher Leiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach und damit für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. In zahlreichen Kursen und Vorträgen geht er auf die Nöte der Menschen ein und ist so unter anderem zum spirituellen Berater von vielen deutschen Topmanagern geworden. Als ein Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation, Kontemplation und geistliches Leben gehört er zu den meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart.