Freitag, 30. Juni 2017

Quo vadis soziale Sicherung?

Die Bundestagswahl findet in weniger als drei Monaten statt, und die Parteien befinden sich mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs. Vorherrschende Themen sind insbesondere die Sicherheits-, Gesellschafts-, sowie Einwanderungspolitik. Sozialpolitische Themen stehen bisher hinten an. Lediglich die Rente spielt eine Rolle, allerdings bisher weniger hinsichtlich einer wirklich nachhaltigen Finanzierung, sondern vielmehr in Bezug auf das Thema der Altersarmut. Welche Bedeutung diesem Aspekt insbesondere vor dem Hintergrund von Kranken- und Pflegeversicherung zukommt, stellen Prof. Dr. Christian Hagist, Lehrstuhl für generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU – Otto Beisheim School of Management, und sein Doktorand Christian Bührer in einem kürzlich erschienenen Gutachten fest.

Hagist und Bührer befürchten ohne Reformen einen deutlichen Anstieg der Sozialbeiträge, die momentan bei knapp unter 40 Prozent liegen. Unter anderem aufgrund des demografischen Wandels und des ausgabensteigernden medizinisch-technischen Fortschritts könnten die Beitragssätze bis zum Jahr 2050 auf über 60 Prozent ansteigen. Ein Szenario das den zukünftigen Beitragszahler aller Voraussicht nach überfordern würde. „Was das Zwei-Grad-Ziel beim Klimawandel ist, könnte für Deutschland daher die 40-Prozent-Marke bei den Sozialbeiträgen sein – ein ambitioniertes Vorhaben, an welchem sich die Politik zukünftig messen lassen kann", sagt Prof. Dr. Christian Hagist.

Das Gutachten, das zusammen mit der Initiative für neue soziale Marktwirtschaft erschienen ist, beinhaltet daher verschiedene sozialpolitische Reformvorschläge, wie beispielsweise die Indexierung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Durch die Entwicklung der ansteigenden Lebenserwartung, hat sich das Verhältnis von Erwerbsphase und Rentenbezugszeit dramatisch verändert: 1960 lag der Wert noch bei 4:1, heute dagegen bei 2,25:1. Das würde beispielsweise bei 45 Jahren Erwerbstätigkeit voraussichtlich 20 Jahre Rentenzeit bedeuten. Um damit einhergehende erhebliche Beitragssteigerungen oder die Kürzung von Rentenleistungen zu verhindern, plädieren die Autoren daher unter anderem für eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung.

Des Weiteren schlagen die zwei Wissenschaftler eine weitere wettbewerbsorientierte Öffnung des Krankenhausmarktes sowie eine Liberalisierung des Apothekenmarktes vor. Derartige Reformen könnten im Gesundheitssektor wertvolle Effizienzreserven heben und somit Kosteneinsparungen ermöglichen. Neben diesen angebotsseitigen Ansätzen heben sie die Bedeutung einer verstärkten Eigenverantwortung der Versicherten in Kranken- und Pflegeversicherung hervor. So könnte die Einführung von Selbstbehalten im ambulanten Bereich die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen besser steuern und zur Vorsorge anregen. In der Pflegeversicherung, ein nach Meinung der Autoren häufig unterschätzter Faktor, schlagen sie vor im Hinblick auf eine nachhaltige Finanzierung den Leistungskatalog anzupassen und entstehende Versorgungslücken durch eine geförderte private Vorsorge zu schließen.

 

Das gesamte Gutachten kann hier heruntergeladen werden. 

Quelle: Fotolia/Tiko